Junge Freiheit: Sarrazin geißelt „deutsche Reflexe“

  • [img='http://www.rocknord.net/forum/upload/avatars/utool_f_1337799983_10.jpg','left']Der Insiderbericht eines echten Mafiosi, der über die Machenschaften der Familie auspackt, ist interessanter als ein Bericht eines außenstehenden Journalisten über die Mafia. So gesehen war die Diskussion von Thilo Sarrazin und Peer Steinbrück über Sarrazins neues Buch „Europa braucht den Euro nicht“ bei Günther Jauch der Showdown zwischen einem Mafia-Aussteiger und einem in die Jahre gekommenen Paten. Steinbrück wies alle Beschuldigungen zurück, aber die Beweislast war erdrückend gegen ihn. Die Politiker – insbesondere die Kanzlerin – machten den Bürgern Angst, was ein Scheitern des Euro angehe, so Sarrazin, täuschten sie aber über die Risiken und den längst eingetretenen Milliardenverlust hinweg.


    Sarrazin, der an der Euroeinführung selbst maßgeblich beteiligt war, widersprach der gängigen These, der Euro sei wichtig für die Exportwirtschaft. Tatsächlich ist der Anteil der Euro-Länder am gesamten deutschen Export rückläufig. Immer mehr Güter gehen in Nicht-Euro-Länder. Trotzdem beharrte Steinbrück auf seiner unhaltbaren Position, bezeichnete die hinter dem Euro stehende europäische Integration als „Glücksfall für Deutschland.“ Zudem müßten die Deutschen der EU dankbar sein, denn sie habe die Wiedervereinigung möglich gemacht.


    Und jetzt der Clou: Steinbrück warf seinem Gegenüber nach diesem Sammelsurium an Unwahrheiten „Geschichtsvergessenheit“ vor, dabei war er es doch, der die Tatsachen verdreht und den Zuschauern ein X für ein U vorzumachen versucht hat. Wenn man Steinbrücks Argumente entblättere, dann bleibe nichts übrig, konterte Sarrazin zurück.


    Die Antifaschismuskeule


    Nach 19 Minuten und 58 Sekunden mußte Steinbrück zu seiner Masterwaffe greifen: der Antifaschismuskeule. Sarrazin habe die deutsche Verantwortung für die Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts banalisiert, „bis hin zu einer abwehrenden, sehr diskreditierenden Bemerkung, was die deutsche Verantwortung für den Holocaust betrifft“. Daß auch Steinbrücks Parteigenossen wie Helmut Schmidt oder Günter Verheugen in der Vergangenheit die deutsche Erbschuld als Ursache für die heutige Rolle des Landes als Zahlmeister gewertet haben, verschwieg er dabei geflissentlich. Die Günther-Jauch-Redaktion nahm diese Aussage Steinbrücks dann aber zum Anlaß, das Zitat über linke Politiker aus dem Buch einzublenden, die getrieben seien „von dem sehr deutschen Reflex, wonach die Buße für Holocaust und Weltkrieg erst endgültig getan ist, wenn wir alle Belange, auch unser Geld, in europäische Hände gelegt haben“. Das Thema versandete in der Jauch-Runde, aber die These ist jetzt in der Welt: Wir Deutsche zahlen, weil wir den Krieg verloren haben. Das ist wie Zahnpasta, die kriegt auch niemand mehr zurück in die Tube.


    Die „Spindoktoren“ der Sendung versuchten Sarrazins Argumentation mit der Präsentation einiger „Wirtschaftsvertreter“ zu widerlegen, die marionettenhaft unisono davon schwärmten, wie sehr der Euro der deutschen Exportwirtschaft helfe. Sarrazin hat mit solchen Stichwortgebern in seinem Buch bereits präventiv abgerechnet: „Viele ‚Experten’ haben den Politikern dabei (bei der Euro-Einführung und -Rettung) geholfen, auch dem Expertenurteil ist also nur bedingt zu trauen.“


    Zur Ehrenrettung des NDR sei gesagt, daß er sich nicht von der Sendung mit Sarrazin hat abbringen lassen (Jauch: „Wir finden, so eine Diskussion sollte möglich sein“). Auch präsentierte der Moderator in seiner bislang wohl besten Sendung die Ergebnisse mehrerer eigens durchgeführter Umfragen, die bestätigten, daß mindestens die Hälfte der Deutschen euroskeptisch ist und etwa den Rauswurf Griechenlands, den ja auch Sarrazin indirekt fordert, befürwortet.


    „Wir siezen uns heute“


    Steinbrück lag auch in der Ansprache mit seinem grimmigen „Wir siezen uns heute“ ebenso daneben wie mit dem hineingeprusteten „Bullshit“. Dies war einer der Fälle, in denen das Gesagte direkt auf denjenigen zurückfällt, der es ausgesprochen hat. Steinbrücks ganze Argumentation war armselig. Er versteckte sich hinter Fremdwörtern und Fachbegriffen wie ein Arzt, der eine Diagnose mitteilen soll, aber eigentlich keine Ahnung hat, an welcher Krankheit der Patient genau leidet.


    Noch ein Wort zu dem Wirbel um die Sendung im speziellen und den Rummel um die Buchveröffentlichung im allgemeinen: Die Demonstranten, die Sarrazin mal wieder mit nackter Gewalt gedroht haben und ihre Stichwortgeber in Politik und Medien, die Sarrazins Auftritt zensiert sehen wollten, haben sich selbst diskreditiert. Wer Sarrazin mundtot machen will, verrät den europäischen Gedanken mehr als dieser selbst es je könnte. Den Buchautor Sarrazin und den Talkshow-Gastgeber Günther Jauch freut es obendrein riesig, weil dadurch Auflage und wohl Einschaltquote deutlich nach oben getrieben wurden und werden.


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    Ich bin mir darüber klar, daß der Einzelne anbetungswürdig sein kann, die Menschheit in Gänze jedoch ein Brechmittel ist. - Joachim Fernau

  • Dass wahrhaft antideutsche Reflexe mittlerweile als deutsche Eigenart - also als "deutsche Reflexe" - gelten, ist ein ebenso paradoxes Phänomen, wie dass der Kulturrelativismus selbst Teil der (westlichen) Kultur geworden ist. Aber deutsch im eigentlichen Sinne können diese Reflexe niemals sein, sie sind das Ergebnis marxistischer Indoktrination der Eliten und amerikanisierter Propagandaberieselung der Massen. Dieses Phänomen beschränkt sich auch nicht auf Deutschland: was den Deutschen der Holocaust, ist den europäischen Nachbarvölkern die Kolonialzeit. Diese negativ-kollektivistischen Schuldkomplexe basieren auf historischen Fehldeutungen und einem merkwürdigen Verständnis von Erbschuld, welche dem egalitären Menschenbild ihrer Apologeten eigentlich entgegensteht.


    Weder Sarrazin noch Steinbrück haben sich in ihrer politischen Vergangenheit bezogen auf den Euro mit Ruhm bekleckert, der Unterschied zwischen beiden ist jedoch, dass der eine wahre Einsicht zeigt, während der andere mit oberlehrerhafter Arroganz auftritt, die dem faktischen politischen Versagen diametral entgegensteht.