Michael Winkler: 9. November.

  • [img='http://www.rocknord.net/forum/upload/avatars/utool_f_1321121155_2.jpg','left'] Der 9. November wird als "Schicksalstag der Deutschen" bezeichnet, was jedoch auch daran liegt, daß in Abhängigkeit eines Ereignisses mehrere Folgeereignisse auf dieses Datum bewußt gelegt worden sind. Aus der Wikipedia habe ich ein paar Ereignisse entnommen, die an einem 9. November stattgefunden haben: 1799: Am 18. Brumaire VIII führt Napoleon Bonaparte mit Unterstützung seines Bruders Lucien einen Staatsstreich durch und beendet damit offiziell die Französische Revolution. Die Mitglieder des Direktoriums treten entweder zurück oder werden abgesetzt und verhaftet.


    1848: Revolution von 1848/49 im Kaisertum Österreich: Robert Blum, linksliberaler Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung, wird nach der Niederschlagung des Oktoberaufstands von Wien im Rahmen der Märzrevolution unter Mißachtung seiner Abgeordnetenimmunität von einem Hinrichtungskommando erschossen.


    1918: Novemberrevolution: Reichskanzler Maximilian von Baden verkündet eigenmächtig die Abdankung von Kaiser Wilhelm II. und betraut Friedrich Ebert mit den Amtsgeschäften. Der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann ruft gegen 14 Uhr vom Reichstagsgebäude aus die „deutsche Republik“ aus. Zwei Stunden später verkündet der Spartakist Karl Liebknecht vom Berliner Stadtschloß aus die deutsche Räterepublik.


    1923: Der Hitler-Ludendorff-Putsch wird von der Bayerischen Landespolizei vor der Feldherrnhalle in München blutig niedergeschlagen, nachdem der Bayerische Ministerpräsident Gustav Ritter von Kahr über den Rundfunk seine Unterstützung für den Putsch zurückgenommen und die Auflösung der NSDAP erklärt hat.


    1925: Hitler ordnet die Gründung der Schutzstaffel an.


    1938: Reichspogromnacht: Im Deutschen Reich kommt es reichsweit zu organisierten Übergriffen gegen Juden und jüdische Einrichtungen, bei denen unter anderem Synagogen in Brand gesteckt werden. Polizei und Feuerwehr haben Weisung, nur nichtjüdisches Eigentum zu schützen.


    1989: Fall der Berliner Mauer: Nachdem SED-Politbüromitglied Schabowski auf einer im DDR-Fernsehen übertragenen Pressekonferenz die Gewährung von Reisefreiheit bekanntgegeben und die Nachfrage nach dem Beginn dieser Regelung um 18:57 Uhr mit „Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich“ beantwortet hatte, strömen Tausende zu den Grenzübergangsstellen: Beginnend mit dem Übergang Bornholmer Straße öffnen sich für die DDR-Bürger damit die Berliner Mauer und die anderen innerdeutschen Grenzen.


    1993: Die 1566 erbaute Stari most (dt.: Alte Brücke), das Wahrzeichen der Stadt Mostar in Bosnien-Herzegowina, stürzt nach andauerndem Beschuß durch die kroatische Armee ein.


    Der erste Eintrag dieser Liste scheint erfreulich, denn mit dem Ende der Revolution in Frankreich endete die Herrschaft von Madame Guillotine, es kehrten normale Verhältnisse ein. Überaus normale, denn Frankreich hat kurz danach seinen Eroberungs- und Unterwerfungsfeldzug gegen Resteuropa begonnen. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, ein verbliebenes Stückchen Mittelalter, ging in diesen Kriegen unter. Insofern markiert dieser 9. November 1799 das Ende der alten, feudalen Monarchien und den Beginn der neuen, der modernen Monarchien des 19. Jahrhunderts, des deutschen Kaiserreiches.


    Der zweite Eintrag, 1848, die Hinrichtung Robert Blums, gehört zu den weniger wichtigen kommunistischen Feiertagen. Ich habe diesen Termin aufgenommen, weil er zu den Geburtswehen des Kaiserreiches gehört. Die gescheiterte Revolution von 1848 war vom Wunsch der Deutschen getragen gewesen, einen eigenen, einheitlichen Staat zu bilden. Es sollte eine konstitutionelle Monarchie werden, mit einem Kaiser an der Spitze - was 1871 durch Bismarck verwirklicht wurde.


    Das herausgehobene Datum ist 1918, das Ende des Kaiserreiches. Jener 9. November beeinflußte das deutsche Schicksal der nächsten hundert Jahre. Der deutsche Staat wurde von innen zerstört, radikale Kräfte versuchten, ihre eigene Form der Schreckensherrschaft zu errichten. Die deutsche Sowjetunion, der Traum aller Kommunisten, war nie so wahrscheinlich gewesen wie an diesem Tag. Eine eurasische Achse zwischen Moskau und Berlin hätte das 20. Jahrhundert völlig anders gestaltet.


    Genau das, wenn auch unter anderen Vorzeichen, könnte sich heute als das Modell für die Zukunft herausbilden: Deutsche Ingenieurskunst und Organisation verbunden mit russischen Rohstoffen, Arbeitskräften und den gewaltigen, unerschlossenen Räumen. 1917/18 wurden von den vorhandenen Optionen die schlechtesten gewählt: Rußland bekam eine gewalttätige Regierung, die dem Land brutale Veränderungen aufgezwungen hat, und in Deutschland kamen Demokraten an die Macht, deren Wollen ihr Können bei weitem überstiegen hat. In ihrer rückgratlosen Willfährigkeit waren die Weimarer Regierungen würdige Vorläufer des heutigen Merkelstaates.


    Fünf Jahre später versuchten Deutsche das zu ändern. Sie wollten das Ruder herumreißen und den Niedergang des Vaterlandes beenden. Oh, das ist Nazi-Propaganda? Ja, richtig. Es ist die gegenteilige Formulierung, BRD-offiziell waren das natürlich fehlgeleitete Wirrköpfe. Politische Argumente stützen sich nun mal nicht auf unanfechtbare Meßwerte, sie sind subjektiv und orientieren sich an der Meinung, die sie den Zuhörern aufdrängen möchten. Gehen Sie einfach davon aus, daß diese "Wirrköpfe" bei klarem Verstand waren, nicht verrückter als eine beliebige Gruppe von Zuschauern, die man aus eine deutschen Fußballstadion herausgreift. Diese Leute hatten ein Ziel, sie glaubten an ihre gute Sache - zumindest der große Teil der Geführten, wie in jeder Bewegung.


    1923 war die logische Folge von 1918, und 1925, die Gründung der SS, war eine logische Folge von 1923. Die Partei, die NSDAP, hatte ihren starken Arm, um nach außen zu greifen, die SA. Jetzt schuf sie eine Ordnertruppe, eine Elite, die hart durchgreift, ohne Fragen zu stellen. Der niedergeschlagene Putsch von 1923 zeigte die Notwendigkeit einer derartigen Macht, einer Truppe für die innere Führung. Zur gefürchteten SS wurde diese Truppe, als ihr Träger, die NSDAP, mehr und mehr Macht erlangte. Einzelheiten und Ausschmückungen lesen Sie am besten bei Guido, dem Dokumödien-Knopp.


    1938 war es ein Geschichten-trächtiger Tag. Zum einen jährte sich die Revolution von 1918 das 20. Mal, zum anderen der Putschversuch von 1923 das 15. Mal. Die Spitze der NSDAP versammelte sich zu einer Feierstunde in München. Irgendwie hat man die Gauleiter und ihre Vorgesetzten nicht eingeweiht, daß an diesem Tag die "Reichskristallnacht" stattfinden sollte, ein Pogrom wie einst in der Zarenzeit. Die Obernazis erfuhren davon am Telephon, genau wie die Unternazis per Telephon angewiesen wurden, das Pogrom zu veranstalten. Das eindrucksvollste Bild dieser Nacht, der brennende Kuppelbau der Berliner Hauptsynagoge, ist natürlich echt, aber es entstand nach einem alliierten Bombenangriff auf Berlin, Jahre später.


    Damit war die Symbolik des 9. Novembers ausgereizt. Das besiegte Deutschland nach dem 2. Weltkrieg gedachte der Ereignisse der Jahre 1918, 1923 und 1938 nur noch gelegentlich, in irgendwelchen Festreden. Der 17. Juni 1953 wurde deutlich wichtiger, zum Staatsfeiertag erhoben. Und so ist es geblieben, Jahrzehnt um Jahrzehnt, in Trizonesien ebenso wie in der DDR, wobei letztere natürlich den 7. Oktober gefeiert hat.


    Die letzte große Feier am 7. Oktober gab es 1989. Erich Honecker winkte huldvoll von der Ehrentribüne, zu seinem begeistert vorbeiparadierenden Volk. Ein kraftvoller Staat demonstrierte die Errungenschaften des Sozialismus'. Und ein paar Wochen später war alles vorbei. Honecker war gestürzt, nach ihm kam ein verzweifelter Hühnerhaufen, der scheinbar völlig kopflos reagierte - und es doch hinbekam, Schabowski genau am 9. November seinen Versprecher passieren zu lassen.


    Und so wurde der 9. November mit einer neuen Bedeutung aufgeladen, mit dem Beginn der Entstehung von Vierzonesien. Und damit wir uns nicht zu sehr freuen, bekommen wir seitdem den 9. November von 1938 unter die Nase gerieben. Da gab es nämlich deutschlandweit ein paar Tote, ein paar Körperverletzungen und einige Sachschäden, Dinge, die nicht weiter der Rede wert waren, zumindest, wenn sie zur gleichen Zeit den Deutschen in Polen passiert sind. Oder bei einem kleineren Bombenangriff von Briten und Amerikanern, der gerade in einer Stadtgeschichte erwähnt wird.


    Deshalb habe ich noch 1993 in meine Liste aufgenommen. Am 9. November 1989 ist der Eiserne Vorhang gefallen, doch die Hoffnung auf eine dauerhafte Friedensordnung wurde nicht erfüllt. Der Balkan sei ihm nicht die gesunden Knochen eines einzigen pommerschen Grenadiers wert, hatte Bismarck damals gesagt. Auf diesem Balkan wurde der 1. Weltkrieg ausgelöst, und 80 Jahre danach wurde dort noch immer geschossen. Eine alte, malerische, oft photographierte Brücke wurde zerstört, eine Brücke, die gebaut wurde um zu verbinden, wurde zum Symbol der Trennung, der Aufteilung.


    Ich habe den 9. November 1918 herausgehoben, und dieser Tag ist nach wie vor der wichtigste auf dieser Liste. An diesem Tag endete die Freiheit in Deutschland. Diesem Tag folgte der Versailler Vertrag, ohne '18 hätte es kein '23, kein '25 und kein '38 gegeben. Ein Zusammenhang mit '89 ist nicht eindeutig, aber durchaus möglich. Der 9. November ist also kein Tag, der magisch schwerwiegende Entscheidungen anzieht, sondern er wirkt aus dem Jahr 1918 fort. Dieser Tag ist erst dann überwunden, wenn Deutschland wieder das ist, was es vor diesem Schicksalstag 1918 gewesen war:


    Vereinigt, frei und stark!


    Quelle: Michael Winkler

    „Noch sitzt ihr da oben, ihr feigen Gestalten, vom Feinde bezahlt und dem Volke zum Spott. Doch einst wird wieder Gerechtigkeit walten, dann richtet das Volk und es gnade euch Gott.“ Carl Theodor Körner Deutscher Dichter, gefallen 1813 im Alter von 21 Jahren im Freiheitskrieg gegen Napoleon

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