Michael Winkler: Anleitung für Diktatoren.

  • [img='http://www.rocknord.net/forum/upload/avatars/utool_f_1319052804_2.jpg','left'] Früher war vielleicht nicht alles besser, aber immerhin lebte es sich als Diktator deutlich angenehmer. Die Waffen kaufte man in der Sowjetunion oder in den USA, die Militärberater bezog man aus Frankreich, England oder Kuba, den Präsidentenpalast baute man mit west- oder ostdeutscher Entwicklungshilfe. Ab und zu ein paar Untertanen umbringen und sie in der Hauptsache ausbeuten gehörte zum Handwerk. Das Geld lagerte auf einem Schweizer Nummernkonto für einen schönen, geruhsamen Lebensabend. Heute ist das anders. Selbst wenn man alles getan hat, um zu "our bastards" zu gehören, also in Treue fest zum Westen, zu den USA und zu Israel gestanden hat, kann es trotzdem passieren, daß die CIA oder der Mossad einen "Frühling" inszeniert, eine "Stiefmütterchen-Revolution" oder eine vergleichbaren Blödsinn. Militärberater aus Israel beginnen schon mal einen Krieg, für den das eigene Militär nicht wirklich gerüstet ist. Und seit sich die Schweizer Banken als Außenstellen der US-Steuerbehörden verstehen, ist selbst die Altersversorgung nicht mehr sicher.


    An die Macht kommen müssen Sie leider ohne meine Hilfe. Wenn ich das schildere, meinen ein paar Leute, mich vorsorglich bekämpfen zu müssen, ein paar andere bieten an, mich bei der Umsetzung dieser Pläne zu unterstützen, wieder andere probieren, ob der vorgeschlagene Weg auch für sie selbst gangbar ist und die CDU entdeckt darin die rettende Idee, Merkel trotz aller Rückschläge an der Macht zu halten. Vor allem letzteres will ich nicht riskieren, deshalb setzt meine Beratung ein, wenn Sie bereits die Macht errungen haben. Wobei ich Ihnen überlasse, ob das blutig, unblutig oder durch demokratischen Wählerbetrug geschehen ist.


    Als hoffnungsvoller Jung-Diktator muß man heutzutage anders planen. Man braucht andere, neuartige Freunde. US-Companys ins Land holen ergibt keinen Sinn mehr, die haben kein Geld, von Monsanto abgesehen. Also nicht mehr United Fruits und Bananen-Plantagen, sondern Gen-Soja, Wundermais, Farbreis und Halloween-Kürbisse, das sind die Feldfrüchte der Zukunft. Für den Berg-, Straßen- und Palastbau wendet man sich vertrauensvoll an das Land des Lächelns. Die Chinesen machen das gerne und effektiv, ohne sich um Umweltauflagen und sonstige westliche Spinner zu kümmern.


    Als einigermaßen etablierter Machthaber wird es jetzt Zeit, sich um Ihre Altersversorgung zu kümmern. Ja, Sie müssen in die Schweiz, sonst werden Ihre westlichen Freunde mißtrauisch. Legen Sie zehn Prozent Ihres Geldes in Zürich an, weitere zehn Prozent in New York und noch einmal zehn Prozent in Tel Aviv. Dieses Geld können Sie abschreiben, das sehen Sie vermutlich nicht wieder. Die nächsten zwanzig Prozent legen Sie bei der Vatikan-Bank an. Die Herren in Rom hätten Sie zwar gerne katholisch, doch Gott ist groß und wenn Ihr Land islamisch sein sollte, drückt man ob guter Geschäftsbeziehungen schon mal der Figur am Kreuz die Augen zu.


    Die Kirche ist sehr verläßlich, neigt allerdings dazu, im Falle Ihres vorzeitigen Ablebens das angelegte Geld als Beichtgeheimnis zu behandeln. Die Hälfte Ihrer Beute haben Sie noch am Hals, dafür kaufen Sie Gold. Die eine oder andere Tonne sollten Sie als Fluchtgepäck vorrätig halten. Ohne solchen Ballast an Bord kommen Präsidenten-Jets schwer wieder herunter, weil erstaunlich viele Flughäfen gerade renoviert werden. Mit Gold an Bord ist das kein Problem, die Maschine wird sogar bereitwillig betankt.


    Die hohe Schule sind ein paar Ferienhäuser, die weltweit unter falschem Namen gekauft werden. Alle haben eine schöne Wand, hinter der ein Notgroschen vermauert ist. 5.000 Krügerrand gestatten es, in Würde zu altern, selbst wenn alles andere wegfällt. Selbst wenn drei der fünf Ferienhäuser enteignet werden, eines genügt. Für den einen oder anderen Reserve-Paß sollten Sie ebenfalls sorgen.


    Nachdem Sie sich um Ihr eigenes Auskommen gekümmert haben, sollten Sie an Ihr Land denken. Leisten Sie sich einen jüdischen Stararchitekten, der Ihnen eine Synagoge und ein jüdisches Gemeindezentrum samt Altenheim hinstellt. Jetzt brauchen Sie nur noch ein paar Holocaust-Überlebende (gerne auch der zweiten oder dritten Generation), die Sie dort ansiedeln. Das letzte Detail ist eine Holocaust-Gedenkstätte. Zur Einweihung laden Sie natürlich den deutschen Bundespräsidenten, den israelischen Staatspräsidenten und noch mehr wichtige Leute aus Deutschland und Israel ein. Betonen Sie feierlich, daß verfolgte Juden in Ihrem Land eine ewige Zufluchtsstätte erhalten.


    Sie finden das übertrieben? Sicher, wenn Sie Ihre Armee mit AK 47 ausrüsten wollen, brauchen Sie das nicht zu tun. Tun Sie es trotzdem, bekommen Sie moderne G 36, dürfen Leopard-Kampfpanzer kaufen und bekommen vielleicht sogar Dolphin-Unterseeboote, mit einem großzügigen Rabatt der Bundesregierung. Jeder Minister aus Merkeldeutschland, der in die Nähe Ihres Landes kommt, darf sich eine Kippa aufsetzen und an der Gedenkstätte trauern, bevor Sie mit ihm über weitere Entwicklungshilfe, Industrieansiedlungen und Waffenkäufe verhandeln. Dies sorgt für die nötige aufgeschlossene Atmosphäre.


    Dank der fortgesetzten Freundschaft zu Deutschland (und zu Israel) erhalten Sie einige Annehmlichkeiten, die sonst sehr schwer zu erlangen wären: bevorzugte Handelsabkommen mit der EU, Mitgliedschaft in den Menschenrechtsorganisationen der UNO und Hilfe beim Bau Ihres ersten Atomreaktors. Zwar braucht heute niemand wirklich einen Atomreaktor, aber Sie als Diktator sollten unbedingt einen haben, zur friedlichen Nutzung der Atomenergie.


    Parallel dazu kaufen Sie Sprengstoff oder Chemikalien, aus denen man Sprengstoff zusammenrühren kann. Sie brauchen mindestens 1.000 Tonnen, die Sie tief unten in einem Bergwerk deponieren, in dem die Chinesen nichts gefunden haben. Auch wenn Sie ein ganz braver Bastard für die Amerikaner gewesen sind, neigen diese Herrschaften dazu, Sie irgendwann abzusetzen. Hier kommt der Atomreaktor ins Spiel. Anstatt auf die Demonstranten schießen zu lassen, inszenieren Sie ein Atomunglück. Das hält die Demonstranten zuverlässig in ihren Behausungen, weil die Agenten von CIA und Mossad ungern verstrahlt werden.


    Und dann behaupten Sie, Sie hätten die Bombe. Das ist zunächst ein wenig unglaubwürdig, weil die Amerikaner ja wissen, was Ihr Reaktor kann und was nicht. Außerdem sind die ganzen Zentrifugen und was man sonst so braucht viel zu teuer. Deshalb zünden Sie den tief eingelagerten Sprengstoff. Nicht überraschend, sondern nach deutlicher Ansage. Für die Beobachter aus befreundeten Nationen, die Sie großzügig einladen, ist das ein Atomtest. Ein bißchen schwach radioaktiver Atommüll, den Sie zuvor verteilt haben, messen Sie mit Geigerzählern an und erbringen so den Beweis. Danach haben Sie zwar eine schlechte Presse, aber Sie sind noch immer im Amt.


    Zu diesem Zeitpunkt ist Ihr Stern leider im Sinken. Sie erkennen das daran, daß der deutsche Bundespräsident nicht mehr Ihre Holocaust-Gedenkstätte besucht, sondern nur eine Delegation des Bundestages, deren Mitglieder auf höchstens drei Absätze in ihren Wikipedia-Einträgen kommen. Sie sind jetzt 20, vielleicht auch 25 Jahre im Amt und haben genug geleistet. Schauen Sie Ihre Kollegen an, ob Helmut Kohl, Silvio Berlusconi oder Muammar al-Gaddafi - die haben es alle versäumt, rechtzeitig abzutreten. Dabei schadet offensichtlicher Altersschwachsinn dem Nachruf.


    Da ihre Holocaust-Überlebenden inzwischen weggestorben sind und dank ausbleibender Zahlungen aus Deutschland das jüdische Gemeindezentrum nicht mehr so gut aussieht, sollten Sie einen antisemitischen Nachfolger glaubhaft aufbauen, der damit droht, die Holocaust-Gedenkstätte zu sprengen. Dieser Mann sichert Ihre Altersversorgung, gerade weil Ihre Konten in der Schweiz nun eingefroren werden. Jetzt können Sie heimlich mit Israel verhandeln.


    Ihr angeblicher Nachfolger schwadroniert von einem Adolf-Hitler-Denkmal, während in Ihrem Land der Aufstand ausbricht. Sie laden Ihren Goldvorrat aus dem Präsidenten-Palast in den Präsidenten-Jet und begeben sich zu einer dringenden Behandlung nach Italien. Italien ist ungefährlich, hoch genug entwickelt für komplizierte medizinische Eingriffe, gleichzeitig ein wenig chaotisch, um als Patient dabei zu sterben, und vor allem liegt dort der Vatikanstaat, auf dessen Bank Sie Ihren Notgroschen lagern.


    Tja, und dann geht es schnell. Der Mossad beseitigt Ihren angeblichen Nachfolger, dafür übernimmt Ihr wirklicher Nachfolger, der demokratische Reformen ankündigt und das jüdische Gemeindezentrum renovieren läßt. Der deutsche Bundespräsident kommt zur Neueinweihung, und Ihr Nachfolger tut genau das, was Sie ihm beigebracht haben. Mit dem Geld aus Zürich und New York hat er ein schönes Startkapital eingestrichen.


    Sie sind tot und werden entweder als guter Katholik in Rom bestattet oder als böser Islamist verbrannt und ins Meer gestreut. Das heißt, natürlich nicht Sie, sondern ein Obdachloser oder eine andere Leiche, die gerade zur Hand ist. Sie selbst heißen jetzt ganz anders, Ihr Aussehen wurde ein wenig verändert und Sie ziehen in eines Ihrer Ferienhäuser. Sie haben alles richtig gemacht, Sie bekommen die Hälfte Ihres Geldes aus Tel Aviv und drei Viertel des Geldes von der Vatikan-Bank (die Zeiten, in denen sich die Kirche mit einem Zehntel begnügte, sind leider vorbei).


    Offiziell haben Sie zwanzig Prozent Ihres ehrlich aus dem Volk herausgepreßten Geldes, was für ein Leben im Luxus und ohne den ständigen Streß mit Bundespräsidenten, Attentätern und UNO-Auftritten ausreicht. Außerdem haben Sie einen Großteil des Goldes gerettet. Alles in allem, es hat sich gelohnt.


    Quelle: Michael Winkler

    „Noch sitzt ihr da oben, ihr feigen Gestalten, vom Feinde bezahlt und dem Volke zum Spott. Doch einst wird wieder Gerechtigkeit walten, dann richtet das Volk und es gnade euch Gott.“ Carl Theodor Körner Deutscher Dichter, gefallen 1813 im Alter von 21 Jahren im Freiheitskrieg gegen Napoleon

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