Michael Winkler: Ungutmenschen.

  • [img='http://www.rocknord.net/forum/upload/avatars/utool_f_1313524997_2.jpg','left'] Ich bin der Guru! Der Messias! Im alleinigen Besitz der Wahrheit! Und wer etwas sagt, was von meinen Verkündigungen abweicht, stellt sich gegen das Universum, die Schöpfung und Gott den Allmächtigen! - Ja, ja, das ist nicht ernst gemeint, ich bin nicht übergeschnappt und noch nicht einmal betrunken. Ich möchte Sie nur für eine kurze Minute darum bitten, einmal darüber nachzudenken, welche Folgen es hätte, wenn jemand, vielleicht sogar ich, wirklich diese Eigenschaften besäße. Nicht Känguruh, sondern echter Guru, und nach meinen Worten richtet sich die Beschaffenheit der Welt.


    Die Erde ist flach! Frau Dr. Angela Merkel arbeitet zum Wohle Deutschlands! Der Hunger in der Welt ist verschwunden! Die BRD ist ein freiheitlich-demokratischer Rechtsstaat!


    Das glauben Sie nicht? Das ist Blasphemie! Ich bin schließlich im alleinigen Besitz der Wahrheit, siehe oben. Daraus folgt, daß Sie nicht das Recht haben zu zweifeln. Reduziere ich den Guru auf Westentaschen-Format, also zu einem Inquisitor oder Staatsanwalt, dann haben dessen Worte zwar nicht mehr die Macht, das Universum zu verändern, sondern nur jene kleine Macht über Menschen, ihnen vorzuschreiben, was sie für wahr anzusehen haben und was nicht.


    Die Protokolle der Weisen von Zion sind eine Fälschung, die Wannsee-Protokolle hingegen echt. Sechs Millionen Juden wurden irgendwie ermordet, dafür gab es in Dresden höchstens 25.000 Tote. Der Leuchter-Report ist blühender Unsinn, das Tagebuch der Anne Frank ein vollkommen objektiver Tatsachenbericht. Eigene Überlegungen und abweichende Meinungen bezüglich der Lehren der Westentaschen-Gurus sind nicht erlaubt, sie werden in diesem freiheitlichsten Staat auf deutschen Boden sogar von der Staatsmacht verfolgt.


    Es geht aber auch noch eine Nummer kleiner, im privaten Bereich. Da treffen wir auf jene Scheuklappen tragenden Fanatiker, die sich im Besitz der alleinigen Wahrheit glauben, weil diese in der Bibel, im Grundgesetz, im Parteiprogramm oder in der BILD-Zeitung steht. Diese Leute empfinden sich als gut, als pflichtgetreue Staatsbürger, als Träger der Gesellschaft. Sie wissen, was für uns alle das Beste ist, und erwarten, daß alle Anderen nach ihren Vorstellungen glücklich sein müssen.


    Gutmenschen, Bessermenschen - sie wollen nicht etwa selbst die Welt verbessern, denn das artet schließlich in Arbeit aus. Es ist viel angenehmer, Andere arbeiten zu lassen, Andere dazu anzustiften, Gutes zu tun. Der echte Gutmensch spendet nicht, er sammelt Spenden für gute Zwecke. Seine Arbeitskraft ist die Spende, sagt er sich, und diese Zeit setzt er im Wert sehr hoch an. Der wahre Gutmensch betrachtet sich als Messias, nicht im Sinne des Erlösers, sondern als Sendboten, der die Welt zum Guten bekehren soll.


    [imgr]http://www.rocknord.net/forum/…/utool_f_1313525030_2.jpg[/imgr] Jetzt verstehen Sie meine Einleitung, denn der Gutmensch geht davon aus, daß die Erkenntnisse seines Lebens die absolute Wahrheit sind, die alle Mitmenschen anerkennen müssen. Dabei ist ein Gutmensch sogar lernfähig, manchmal jedenfalls. Wenn er dazu lernt, kann es durchaus vorkommen, daß die gestrige absolute Wahrheit heute sinnloses Geschwätz darstellt und das genaue Gegenteil zum Gipfelpunkt der Erkenntnis aufrückt.


    Wodurch ein Gutmensch lernt, ist schwer nachzuvollziehen. Auf keinen Fall läßt er sich durch Gespräche und bessere Argumente überzeugen. Der Gutmensch weiß schließlich nicht nur alles, sondern das auch noch besser. Der Gutmensch belehrt, er läßt sich nicht belehren. Das ist wie mit dem Spinat, der Eisen enthält, aber nur Spuren. Diese im Labor nachgewiesene Erkenntnis sickert nur ganz langsam in den Kopf der Mütter ein, die nach wie vor das verkünden, mit dem sie selbst traktiert wurden, um ihren Spinat zu essen.


    Gutmenschen haben für alles Verständnis, nur nicht für das, was sie zu ihrem eigenen Wohl verstehen sollten. Gutmenschen sind auf jeden Fall gegen Kernkraft, solange der Strom in jeder gewünschten Menge aus der Steckdose kommt. Gutmenschen sind gegen die Autos ihrer Nachbarn, fliegen aber gerne etwas weiter fort in den Urlaub. Windräder finden Gutmenschen gut, solange sie dort stehen, wo sie niemals hingucken. Der Strom sollte jedoch drahtlos zum Abnehmer gelangen, denn Stromleitungen mag ein Gutmensch nicht. Wobei, drahtlos ist auch nicht so gut, denn das gäbe wieder Elektrosmog.


    Richtige Gutmenschen sind belesen, sie kennen fast jedes Buch, das ihre eigene Meinung vertritt. Wenn Sie eine falsche Ansicht vertreten, werden Sie mit Alfons Meier, Gustav Beck und Martin Weinbrandt konfrontiert, die zwar Soziologie, Philosophie und Ägyptologie studiert haben, jedoch nach Ansicht des Gutmenschen die Einzigen sind, die wirklich die Physik verstanden haben.


    Diese anerkannten Quellen können einen Gutmenschen beeinflussen. Wenn eine Koryphäe wie der Soziologe Alfons Meier, der bisher gegen Kernkraftwerke geschrieben hat, neue medizinische Erkenntnisse über die Sumpfdotterblume verkündet, saugt der Gutmensch diese Wunderheilungen in sich auf und wird zum überzeugten Anhänger der alternativen Sumpfdotterblumen-Medizin. Und er kennt Lukrezia Hinterhuber, deren Sumpfdotterblumen-Öle, -Pastillen, -Salben und -Tees wahre Wunder gegen Alzheimer, Fußpilz, Lungenkrebs und Achselnässe bewirken.


    Weil Gutmenschen von der Richtigkeit ihrer Überzeugungen voll und ganz eingenommen sind, wehren sie sich gegen jegliche abweichende Erkenntnis. Sie unterliegen der selektiven Wahrnehmung. Wobei die wahre Ursache hinter diesem Gutmenschentum geistige Faulheit ist, oder, weniger negativ ausgedrückt, Desinteresse.


    Der durchschnittliche Gutmensch möchte einen Bezugsrahmen finden, in dem er sich einbringen kann. Stellen Sie sich ein Kinderzimmer vor, mit Spiel-, Schlaf- und Arbeitsbereich. Eine Wand besteht aus einem großen Regal mit sehr vielen Fächern. Dieses Kinderzimmer steht für das geistige Umfeld des Gutmenschen, in dem alles wohlgeordnet ist. Die ganze Welt, alles, was "da draußen" liegt, ist in dem Regal einsortiert. Alles ist an seinem Platz, alles überschaubar, alles festgelegt. Tritt eine Störung aus dem Außenbereich ins Leben, greift der Gutmensch blind ins Regal und antwortet mit dem, was er da vorfindet. Dieses Verfahren befreit den Gutmenschen von Anstrengungen, er kann sich mit seiner ganze Energie auf den Rest des Kinderzimmers werfen.


    [img='http://www.rocknord.net/forum/upload/avatars/utool_f_1313525059_2.jpg','left'] Dieses Kinderzimmer gibt Geborgenheit. Die Alternative sehen Sie vereinzelt in Werbefilmchen, hin und wieder als Requisite in einem "Problemfilm": Möbel auf der grünen Wiese, allseits offen. Es gibt keine schützenden Wände, kein schirmendes Dach, sondern nur Stuhl, Tisch, Schrank und Bett - den Elementen preisgegeben. Die Wirklichkeit spaziert einfach auf Sie zu, legt sich ungebeten zu Ihnen ins Bett - das ist der Preis für den ungehinderten Blick bis zum Horizont, für die allseits auf Sie eindringende Erkenntnis.


    Der Gutmensch ist ein Haustier, das in einem Käfig lebt und so tut, als sei das die Welt. Der Gutmensch ist auf das angewiesen, was er von dritter Seite bekommt, auf jene Brosamen des Wissens, die Dritte ihm zufallen lassen. Diese betet er bereitwillig nach, denn alles, was jene selbstgewählte Beschränktheit durchbricht, wird als Gefahr empfunden.


    Der geistig freie Mensch wird Meilen gehen, um an die Quelle der Erkenntnis zu gelangen, um aus ihr zu schöpfen und sich sattzutrinken. Der Gutmensch fürchtet die Gefahren des Weges und er fürchtet, daß in der Quelle noch mehr als Wasser sein könnte. Er bevorzugt das Wasser in Flaschen, gefiltert von allem Schädlichen, untersucht von amtlichen Historikern gleich vereidigten Lebensmittelchemikern, deren Analyse auf dem Etikett abgedruckt ist und deren Name die Freiheit von unerwünschten Wahrheiten garantiert. Das gibt Sicherheit, die Sicherheit des Käfigs.


    Der geistig freie Mensch verzweifelt an der Ignoranz der Gutmenschen, die verlernt haben, die Welt mit eigenen Augen zu sehen. Die Gutmenschen sind gegen Nazis, weil man ihnen gesagt hat, Nazis seien böse. Sie sind für Zuwanderung, weil man ihnen gesagt hat, daß wir die Zuwanderer bräuchten und sie unsere Kultur bereichern. Für die Gutmenschen ist die BRD tatsächlich ein Rechtsstaat, weil sie nie versucht haben, jene Rechte zu nutzen, die ihnen angeblich gewährt werden. Gutmenschen kennen keine Demokratie, sondern nur die Wahlzettel, die sie für Demokratie halten.


    [imgr]http://www.rocknord.net/forum/…/utool_f_1313525079_2.jpg[/imgr] Meerschweinchen im Käfig interessieren sich nicht für die Tapeten in dem Raum, in dem ihr Käfig steht. Sie nehmen die Temperatur als gottgegeben hin, weil sie nicht wissen, daß drei Käfiglängen entfernt ein Thermostat existiert, mit dem sich diese Temperatur regeln ließe. Wie Meerschweinchen werden sie gelegentlich aus dem Käfig genommen und ein bißchen gestreichelt, bevor sie wieder zurückgesetzt werden.


    Und ja, Gutmenschen lassen sich als Schafherde benutzen, auf die Straße treiben, hinter Schildern versammeln, daß Hinterdeppendorf eben bunt sei. Wie viel dieser Buntheit ist wirklich in den Alltag der Hinterdeppendorfer eingedrungen? Eine der zwei alten Dorfwirtschaften ist heute eine Pizzeria, auf dem Dorfplatz, wo früher Kurzwaren verkauft wurden, ist vor drei Jahren ein Döner-Imbiß eingezogen. Ein Fünftel der Schulkinder haben "Migrationshintergrund". (Wir sind in Hinterdeppendorf, Sie fahren bis zum Schild "Ende der Welt", dann zwei Kilometer weiter, biegen rechts ab und schon nach einem halben Kilometer sind Sie dort. Deshalb gibt es so wenige Zudringlinge.) Wie viel ist da bunt? Die Damen und Herren "Zuwanderer" tauchen gelegentlich in geschlossener Formation beim Dorffest auf, ansonsten schauen sie Heimat-Fernsehen über Satellit. Die Bräuche der Eingeborenen sind ihnen fremd, und wenn gerade einmal kein Kamerateam da ist, gibt es keine gegenseitigen Besuche. Man lebt nebeneinander her, das ist keine Toleranz, sondern wohlwollende Ignoranz.


    Neue Steuern? Der Hinterdeppendorfer Gutmensch murrt, wenn er die Nachrichten hört, doch eine Minute später kommt Fußball, da ist das vergessen. Alles wird teurer? Der Gutmensch schüttelt den Kopf, aber man hat ihm gesagt, der Euro sei gut für ihn und für Deutschland, also hat die Preiserhöhung andere Ursachen. Gold und Silber sind seit zehn Jahren ständig im Preis gestiegen? Na und? Hat ein Goldbesitzer in dieser Zeit auch nur ein einziges Prozent Zinsen bezahlt bekommen? Lebensversicherungen sind sicher, Bausparverträge sind sicher, Riesterverträge sind sicher und daß die Rente sicher ist, hat schließlich schon Norbert Blüm gesagt.


    Gutmenschen machen der Obrigkeit wenige Probleme, solange die Obrigkeit ihnen keine Bahnhöfe, Stromtrassen oder Speicherseen bescheren möchte. Gutmenschen lassen sich wie Schafe scheren, ohne sich dagegen zur Wehr zu setzen. Nicht nur einmal, sondern immer wieder. Vorbildliche Staatsbürger nehmen alles hin, bringen Opfer, geben Gold für Eisen, sind sogar tapfer, wenn die Obrigkeit sie in Uniformen steckt und nach Rußland schickt.


    Wenn es jedoch darum geht, den Staat und die Volksgemeinschaft voranzubringen, mit eigenen Ideen beizutragen, zu gestalten anstatt hinzunehmen, sind Gutmenschen wahre Ungutmenschen, eine Plage ihrer Zeit und eine Plage für ihre geistig freien Zeitgenossen.


    Quelle: Michael Winkler

    „Noch sitzt ihr da oben, ihr feigen Gestalten, vom Feinde bezahlt und dem Volke zum Spott. Doch einst wird wieder Gerechtigkeit walten, dann richtet das Volk und es gnade euch Gott.“ Carl Theodor Körner Deutscher Dichter, gefallen 1813 im Alter von 21 Jahren im Freiheitskrieg gegen Napoleon