Michael Winkler: Das Ego.

  • [img='http://www.rocknord.net/forum/upload/avatars/utool_f_1309985277_2.jpg','left'] „Gefährten sucht der Schaffende und nicht Leichname, und auch nicht Herden und Gläubige.
    Die Mitschaffenden sucht der Schaffende, die, welche neue Werte auf neue Tafeln schreiben.
    Gefährten sucht der Schaffende, und Miterntende: denn alles steht bei ihm reif zur Ernte.
    Aber ihm fehlen die hundert Sicheln: so rauft er Ähren aus und ist ärgerlich.
    Gefährten sucht der Schaffende, und solche, die ihre Sicheln zu wetzen wissen.
    Vernichter wird man sie heißen und Verächter des Guten und Bösen.
    Aber die Erntenden sind es und die Feiernden.
    Mitschaffende sucht Zarathustra, Miterntende und Mitfeiernde sucht Zarathustra: was hat er mit Herden und Hirten und Leichnamen zu schaffen!“


    Friedrich Nietzsche, Also spracht Zarathustra, aus Zarathustras Vorrede


    Im Prinzip ist das mit dem Rudern ganz einfach: Man sucht acht Männer mit kräftigen Oberarmen, ergänzt sie mit einem leichtgewichtigen Steuermann und setzt sie in ein Ruderboot. Der Steuermann hat die Aufgabe, mit "Und JETZT - und JETZT - und JETZT!" den Einsatz der Muskelmänner zu koordinieren und ansonsten das Boot geradeaus zu lenken. Der Rest ist ein bißchen Training. Soweit die Theorie.


    Die Praxis ist ein wenig komplizierter, denn auf den Plätzen eins, zwei und drei sitzen in Wirklichkeit Fritz, Otto und Karl. Die anderen fünf sind gerade ein Bier trinken gegangen. Fritz studiert Informatik und ist der Jüngste im Boot, nach dem Steuermann. Otto ist Schlossergeselle und steht kurz vor der Meisterprüfung. Karl kassiert als städtischer Beamter die Hundesteuer und betreibt die Ruderei als Ausgleichssport. Damit haben die Ruderer eins, zwei und drei zwar noch keine Gesichter, aber wenigstens ein bißchen Geschichte. Wenn jetzt noch Otto dem Karl die Freundin ausspannt, Fritz bei Karl in Untermiete wohnt und Karl stellvertretender Ortsvorsitzender der christlich-nationalen Loge ist, gewinnen sie an Farbe. In dem Boot sitzen acht gestandene Männer und sie werden von dem 16jährigen Gustav kommandiert, der gerade das zweite Mal versucht, den Hauptschulabschluß hinzukriegen.


    "Und JETZT - und JETZT - und JETZT!" - es ist gar nicht so einfach, sich auf das Rudern zu konzentrieren, wenn die Nummer Drei der Nummer Zwei am liebsten an die Kehle fahren möchte. Neben der reinen Motorik - die an sich schon Jahre des Übens benötigt - menschelt es unter den Ruderern gewaltig. Auf der einen Seite rauft sich zusammen, was zusammen gehört, auf der anderen Seite lernt man, je länger man sich kennt, auch die weniger netten Seiten des Gegenübers kennen.


    Gefährten sucht der Schaffende...


    Auf einem anderen Ruderboot gibt es diese Probleme nicht. Wobei - Sie müssen Ihre Armbanduhr ein paar Jahrhunderte zurückstellen, um auf ein solches Boot zu kommen. Da gibt ein Trommler den Takt vor, die Ruderer sind angekettet und zwischen ihnen läuft jemand mit einer Peitsche in der Hand. Die Galeerensklaven sind nicht freiwillig hier, sie sind deshalb auch keine Gefährten. Die Ruderer im Sportboot müssen sich zusammenraufen, was durchaus wörtlich passieren kann. Die Sklaven bekommen das gleichsam durch ihre Stellenbeschreibung geliefert, da helfen Trommel und Peitsche.


    Die Sportruderer trainieren über Monate, über Jahre hinweg, jede Woche zehn oder mehr Stunden, um ein paar Minuten lang ihre Individualität auszuschalten und sich in den Dienst der Sache zu stellen, nicht mehr Menschen, sondern bloßer Antrieb zu sein. Sie müssen es tun, denn nur so sind sie erfolgreich. Wenn nur einer außer Takt gerät, werden sie alle langsamer, die Ruder verheddern sich und womöglich kentert sogar das lange, schmale Boot.


    Die Ausschaltung des Egos, die Reduzierung eines Menschen auf seine bloße Funktion, ist das Ziel der ersten Stufe einer Organisation. Jeder Angehörige einer mazedonischen Phalanx mußte funktionieren, mit seinem Schild sich und in der Formation seine Nebenmänner decken, seine lange, schwere Lanze auf den Feind richten und Schritt halten, wenn die Phalanx angriff. Die römische Legion war eine kämpfende Formation, ein stachelbewehrter Tausendfüßler, gegen den großartige aber unorganisierte Einzelkämpfer keine Chance hatten. Die Schlachtreihe, die geschlossene Formation, hat sich bis zu den Napoleonischen Kriegen gehalten.


    Wir erleben sie in anderer Form in der Industriegesellschaft. Da marschieren Fritz, Otto und Karl in die Fabrik und werden am Fließband zum Teil der Maschinerie, zu dem einen Handgriff, der ihnen in dieser Produktion zugewiesen ist. Freiwillig? Arbeit bedeutet Lohn, Lohn bedeutet Essen, Essen bedeutet Leben - insofern freiwillig, und doch gleichzeitig Galeere, zumindest in Zeiten, in denen der Arbeiter auf die Fabrik angewiesen war. Wer nächste Woche woanders für mehr Lohn arbeiten könnte, ist da natürlich freier.


    Die Waffentechnik hat beim Militär die Formationen zu Todesfallen werden lassen. Heute dominiert die Kleingruppe, die Panzerbesatzung, der Schützentrupp. Nur in der Marine erfordert die Größe der Schiffe noch die "Formation", die eingespielte Besatzung. Doch auch in der Kleingruppe wird das Ego ausgeschaltet, der Soldat weitgehend "mechanisiert". Er wird darauf gedrillt, seine Waffe unter allen Umständen zu beherrschen, bei Tag und Nacht, Ladehemmungen beseitigen, neues Magazin einführen, schießen - das muß passieren, ohne nachzudenken. Vor allem das Schießen, die Tötungshemmung wird gezielt abtrainiert. Ein römischer Ausbilder hätte sich über die ausgeklügelten Einrichtungen zum Gefechtsschießen bestimmt gefreut, der hatte nur Strohpuppen.


    Gefährten sucht der Schaffende...


    Das Ego ausschalten ist schwer, denn wir sind immer Fritz, Otto und Karl, ob im Ruderboot, in der Marschkolonne oder am Fließband. Die deutsche Armee hat dieses Ego zuerst für sich eingesetzt, mit der Auftragstaktik. General von Pintern im rückwärtigen Hauptquartier hat nicht befohlen, sondern den Auftrag erteilt, die Höhe 218 auf seiner Lagekarte zu besetzen. Wie das am besten zu bewerkstelligen war, hat Feldwebel Meier als Stoßtruppführer vor Ort entschieden, der dabei die Stärken von Fritz (Scharfschütze), Otto (schneller Läufer) und Karl (Nahkämpfer) optimal ausgenutzt hat. In der Arbeitswelt wurde das als Gruppenarbeit eingeführt, bei der ein Dutzend Leute ein ganzes Auto zusammenbauen, anstatt daß jeder nur einen Handgriff beiträgt.


    In einer Schulklasse, einer zufällig zusammengesetzten Gruppe, gibt es Schüler, die bessere Aufsätze schreiben, andere, die besser rechnen können, Fußballspieler, Sänger, Handwerker... Jeder ist auf andere Weise begabt und wer gar nichts kann, dient eben als schlechtes Beispiel. Richtig organisiert, nach den Stärken des Einzelnen, kann eine solche Gruppe große Erfolge erzielen. Dazu muß sie zusammenarbeiten, als Schaffende, als Gefährten.


    Jeder denkt nur an sich.
    Ich bin da ganz anders!
    Ich denke als Einziger an mich.


    Dies ist das Prinzip des Egoismus', das sehr viel Schaden stiftet: Ein Dutzend Menschen treffen sich in der besten Absicht, eine Partei zu gründen, um die Mißstände in Merkeldeutschland abzustellen. Es geht um Gerechtigkeit, Freiheit, mehr Demokratie, bessere Schulen - und darum, daß ICH Vorsitzender werde! Die Partei wird gerade gegründet, es gibt keine Mandate, keine Dienstwagen, nichts. Aber wehe, ICH werde nicht Vorsitzender, dann kann mir dieser Sauhaufen gestohlen bleiben!


    Besonders effektiv ist dieser Egoismus auf dem sogenannten Dienstweg: Der Arbeiter unterbreitet seinen Verbesserungsvorschlag dem Vorarbeiter, dieser dem Gruppenleiter, der berichtet dem Abteilungsleiter, dieser dem Hauptabteilungsleiter und der dem Bereichsleiter. Auf jeder Ebene bleibt der Vorschlag ein bis fünf Wochen liegen und wird ein wenig angepaßt, vor allem der Name des Urhebers verändert sich. Am Ende entscheidet der Vorstand und billigt dem Bereichsleiter einen Bonus zu. Sollte sich der Arbeiter direkt an den Vorstand wenden, handelt er sich den Unmut der übergangenen Vorgesetzten ein. Untergebene sind eben keine Gefährten!


    Wir haben den Egoismus kultiviert, in der sogenannten Ellenbogengesellschaft. Wir stehen in einer dauernden Konkurrenz. Wer bekommt die Lohnerhöhung, wer den Dienstwagen, wer wird befördert? Wenn Fritz, Otto und Karl an derselben Sache arbeiten, versucht jeder der drei, nach außen am besten dazustehen. Haben wir Glück, ist das ein fairer Wettbewerb, bei dem jeder versucht, mehr zu leisten als der andere. Haben wir weniger Glück, schwärzen sich die drei gegenseitig an, behindern einander oder sabotieren sogar die Arbeit des Mitbewerbers. Ich, Ich, ICH!


    Wann haben Sie das letzte Mal konstruktive Kritik gehört oder gelesen? Einen Vorschlag, der die Gedanken eines Dritten weiterentwickelt? Gefährten sucht der Schaffende, Mitschöpfende, Miterntende, Mitfeiernde, wenn der Erfolg erzielt ist. Statt dessen wird der Vorschlag bekämpft. Wobei selbst das noch positiv zu sehen ist, denn diese Kritik ist sachlich und setzt voraus, daß der Kritiker wenigstens im Ansatz die Sache verstanden hat - meistens jedenfalls, hin und wieder werden nur Phrasen gedroschen. Wo es nicht einmal dazu langt, wird die "Kritik" persönlich. Gegen die Botschaft komme ich nicht an, also verunglimpfe ich die Person. Das schmeichelt meinem Ego, habe ich doch etwas dagegen gesagt, auf die gleiche Stufe wie der Schaffende gestellt, oder?


    Ich lese hin und wieder die Leserbriefe im SPIEGEL. Die bekommen solche Dinger massenweise und wählen da nur aus, was ihnen gefällt oder wenn der Absender Rang und Namen hat. Nicht einmal da habe ich eine besondere Qualität der Aussage festgestellt. Der SPIEGEL hat es sogar nötig, Leserbriefe zu veröffentlichen, in dem von "Sternstunde des Journalismus" die Rede ist. Sicher, jeder liest gerne, wenn ihm geschrieben wird "Ihr Artikel hat mir sehr gut gefallen" - darüber bin auch ich nicht erhaben. Aber muß ich das wirklich veröffentlichen? Und wer garantiert, daß der Absender der "Sternstunde" mit dem Schreiberling nicht verschwägert, verwandt oder identisch ist? Wir können es ja nicht nachprüfen.


    Natürlich ist es in der Geisteswissenschaft schwer, "gut" und "besser" zu unterscheiden. Deshalb ist es dort eine beliebte Übung, das Existierende, ob Text, Theorie oder Gesetz erst einmal als "schlecht" und "fehlerhaft" zu klassifizieren. Das schafft so ziemlich jeder, der es ernsthaft probiert, und sei es, indem er Dinge hineininterpretiert, die so gar nicht darin stehen. Das ist eine Grundtechnik dieser gegen den Geist gerichteten Wissenschaften, es wird als Vorbereitung der eigenen Argumentation gelehrt. Nur, leider, reicht es fast nie zu der eigenen Argumentation, denn die kostet ja Mühe und "Gehirnschmalz". Zudem ist es eine undankbare Aufgabe, man erntet mit eigenen Gedanken ja nur die unsachlichen Kommentare der lieben Kollegen.


    In den Naturwissenschaften und der Technik geht man ganz anders vor. Ich habe einmal an einer Maschine mitgearbeitet, vom ersten Prototyp bis zum einsatzfähigen Aggregat. Die Maschine wickelte Metallkäfige, ihre erste Version war mechanisch viel zu schwach - und meine erste Steuersoftware dazu hat mehr gewürfelt als berechnet. Anstatt uns hinzustellen und uns gegenseitig vorzuwerfen, was für einen Blödsinn der Maschinenbau- und der Software-Ingenieur da zusammengepfuscht hätten, haben wir leise geflucht und dann die Sache verbessert. Die Maschine wurde stärker, die Software genauer - und schließlich war die Maschine fertig. Einen Gefährten fand der Schaffende... Die Maschinen wickeln ihre Bohrpfähle seit zehn Jahren und wenn eine neue gebaut wird, mit veränderter Mechanik, wird die Maschine eingemessen, ein paar Parameter in der Konfigurationsdatei werden angepaßt - und produziert.


    Bei Geisteswissenschaftlern habe ich manchmal das Gefühl, daß, sollten sechs Namen in alphabetischer Reihenfolge unter einer Arbeit stehen, der eine oder andere sich gerne den Nachnamen "Aalbert" zugelegt hätte. Da es in Deutschland nicht so einfach ist, seinen Nachnamen zu ändern - außer durch Heirat oder wenn man zufällig "Hitler" heißt - möchte man sich wenigstens einen besseren Vornamen zulegen, um das eigene Ego zu pflegen. Wobei das früher risikoloser war, heute kann man den Vornamen "Doktor" durchaus wieder verlieren. Wenigstens die Kombination "Professor Doktor" erfüllt noch ihren Zweck.


    Gefährten sucht der Schaffende...


    Deutschland wurde einst das Land der Dichter und Denker genannt. Ich habe kürzlich in der Unterhaltungsillustrierten FOCUS eine Liste der einflußreichsten deutschen Literaten gesehen. Ja, ich weiß, angefangen hat FOCUS einst als Nachrichtenmagazin, aber irgendwie ist daraus eine Systempostille geworden, eine Erbauungsschrift des Kanzlerin-Huldigungsvereins. Also, an Nummer 1 steht das Universalgenie Günter Grass, dessen Werke bei den damit traktierten Schülern ungefähr so beliebt sind wie das Tagebuch der Anne Frank. Dank dieser erzwungenen Verbreitung hat sein Familienname bereits als Eigenschaftswort Eingang in die deutsche Sprache gefunden: gräßlich.


    Was hat dieser große Literatenpapst mit den kleinen Gedächtnislücken bezüglich seiner Jugend in SS und NSDAP denn an bemerkenswerten Gedanken in die Welt gesetzt? Wobei Gedächtnislücken ja nichts Anrüchiges mehr sind, ob nun die Kanzlerin ein paar Details aus ihrer Jugend in FDJ und SED vergißt oder ein Herr Guttenberg ein paar Quellenangaben zu seiner Doktorarbeit, die Vergangenheit ist immer das, was man daraus macht. Bei Günter Grass wurde daraus die Empfehlung, man solle doch SPD wählen. 1965 mag das ja noch originell gewesen sein, 2011 ist das etwa so progressiv wie eine Empfehlung über das beste Zaumzeug für Kutschpferde.


    Goethe und Schiller, die Großen der Vergangenheit, haben zu ihrer Zeit Massenliteratur geschrieben, ohne daß "progressive" Pädagogen oder bildungsideologisierte Ministerialbeamte ihre Bücher in Schülerhände zwingen mußten. Das passierte erst später, als sie eben die Klassiker geworden waren. "Die Blechtrommel" wurde zwar verfilmt, doch was ist das schon gegen die dauerpräsente Rosamunde Pilcher? Was heute für Literaten gehalten wird, sind alte, systemangepaßte Frauen und Männer, die bestenfalls die Vergangenheit aufbereiten, aber keine Gedanken für die Zukunft formulieren.


    Haben wir wenigstens noch große Denker? Damit meine ich keine Tüftler oder Ingenieure, auch wenn das wirklich beachtliche Denker sind. Ich spreche von freien Geistern, von Philosophen, die über die Welt nachdenken und diese Welt erklären. Ja, da gibt es die hochgelobte Propaganda-Kompanie der Frankfurter Schule, die ein paar primitive Theorien zusammengeschustert haben, mit der eine Menge Kleingeister auf falsche Fährten geschickt worden sind.


    Statt großer Denker haben wir Denkverbote. Die gab es in Deutschland schon sehr oft, doch in Zeiten, in denen es keinen Zentralstaat gegeben hatte, haben die Denker Schlupflöcher und Schutzpatrone gefunden. Für Luther gab es eine Wartburg, für Schiller Jena. Die meiste Zeit über durften Denker in Deutschland jedoch unbehelligt leben, waren geachtet und durften Anhänger um sich scharen. Es sind immer nur totalitäre Staaten, die Denkverbote benötigen, Regierungen, die auf Lügen gegründet sind und befürchten müssen, daß diese Lügen aufgedeckt werden.


    Und trotzdem, gerade weil man es uns abgewöhnen möchte, müssen wir denken und dichten, diese Gedanken in Worte fassen. Polen hatte als Staat aufgehört zu existieren, doch die Polen haben ihren Staat weiterhin im Herzen getragen, bis dieses Polen wieder in die Realität zurückkehrte, 1916, dank des Deutschen Reiches. Heute ist es das Deutsche Reich, das nicht mehr sichtbar existiert, doch weil wir es im Herzen tragen, wird das Reich ebenfalls wieder auferstehen. Das Reich wird heute erschaffen, Stück für Stück. Es wird heute erdacht, es wird heute geplant, und jeder, der den Drang in sich spürt, arbeitet mit seinen Gedanken an diesem neuen Deutschen Reich.


    Das Reich wird nicht das Werk eines Einzelnen sein, denn dies übersteigt die Kraft eines Einzelnen bei weitem. Neun Mann in einem Boot müssen rudern, den Takt vorgeben und steuern, damit das Boot erfolgreich wird. Fritz, Otto und Karl stehen auf dem Siegertreppchen, mit ihren Kameraden, sie bekommen alle ihre Medaillen. Jeder von ihnen kann stolz sein, doch dieser Stolz betrifft die gemeinsame Leistung. Nicht: ICH habe das gemacht, sondern: ich habe meinen Teil dazu beigetragen. Diese Lektion, die Überwindung des eigenen Egos im Dienste der guten Sache, verleiht dieser Sache jene Größe, die der Aufgabe angemessen ist.


    Dichter und Denker haben es schwer in diesem Land, und sollte es jemand wagen, sich in dieser Richtung zu entwickeln, so treten die Egoisten auf, die Neider, die zu keinem eigenen Werk fähig sind. Kommen wir so weiter, schwingen wir uns so zu größeren Höhen auf? Nein, die Egoisten versuchen alles, um uns auf dem Boden festzuhalten. Oh ja, wir können in das Ruderboot steigen und uns einen Boxkampf liefern. Dann landen wir alle im Wasser und die Gegner gewinnen die Regatta.


    Deshalb, liebe Kritiker, pflegt Eure Egoismen und prügelt Euch. Das steht Euch frei, tut es mit Hingabe. Aber damit kommt Ihr nicht ins Boot, denn Ihr tragt nichts zu seinem Fortkommen bei. Goethe, Kant und Nietzsche kennt heutzutage jeder, doch wer vermag sich auch nur an einen ihrer Kritiker zu erinnern? Schreibt, redet, wettert, lästert - um es mit Nietzsche zu sagen:


    Mitschaffende suche ich, Miterntende und Mitfeiernde suche ich: was habe ich mit Herden und Hirten und Leichnamen zu schaffen!


    Quelle: Michael Winkler

    „Noch sitzt ihr da oben, ihr feigen Gestalten, vom Feinde bezahlt und dem Volke zum Spott. Doch einst wird wieder Gerechtigkeit walten, dann richtet das Volk und es gnade euch Gott.“ Carl Theodor Körner Deutscher Dichter, gefallen 1813 im Alter von 21 Jahren im Freiheitskrieg gegen Napoleon

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