Michael Winkler: Des Kaisers neue Kleider.

  • [img='http://www.rocknord.net/forum/upload/avatars/utool_f_1284481855_2.jpg','left'] Den Anlaß für diesen Text lieferte die neue Synagoge in Mainz. Da wurde Bilder der alten Synagoge gezeigt, ein eindrucksvoller, ja geradezu Ehrfurcht gebietender Kuppelbau, der sich wunderbar ins Stadtbild eingefügt hatte. Die neue Synagoge ist dagegen potthäßlich, sie wirkt, als hätte eine Planierraupe ein paar Trümmer auf einen Haufen zusammengeschoben. Bilder aus dem Inneren zeigten einen zerhäckselten Raum, in dem das Sonnenlicht die fehlende Gestaltung ersetzen soll. Dieses Gebäude paßt wunderbar zur neuen Synagoge München, einem lustlos hingeklatschten Betonklotz, zwar mit Ecken und Kante, doch bar jeder Ästhetik.


    [imgr]http://www.rocknord.net/forum/…/utool_f_1284481876_2.jpg[/imgr] Die Häßlichkeit dieser Synagogen fiel mir jedoch nur deshalb ins Auge, weil diese Gebäude umfassend im Fernsehen vorgestellt wurden und ich immer aufhorche, wenn ich so beiläufig erfahre, daß diese tollen Zentren lebendiger jüdischer Gemeinden ausschließlich mit dem Geld deutscher Steuerzahler errichtet worden sind. Ein Monopol auf Häßlichkeit haben diese jüdischen Gebetshäuser jedoch nicht. Ich gebe zu, Hochhäuser haben durch ihre beeindruckenden Proportionen eine eigene Ästhetik, mittelgroße und kleinere Gebäude müssen auf diesen Vorteil verzichten. Neue Gebäude, vor allem "Prestigebauten", zeichnen sich generell durch eine ihnen innewohnende Häßlichkeit aus.


    Betrachten wir Deutschlands größtes Reisebüro, das Kanzleramt in Berlin, so stoßen wir auf einen überdimensionierten Klotz, dessen Größe in keinem Verhältnis zu den Kleingeistern steht, die darin so tun, als würden sie arbeiten. Ein paar Kilometer von mir entfernt, in Oberdürrbach, gibt es zwei katholische Kirchen: Eine alte, anheimelnde, zu klein gewordene, und eine neue, größer, abstoßend, modern und geistlos. Die alte Kirche vermittelt Gottesnähe und Geborgenheit, die neue ist eher eine Markthalle als ein Ort der spirituellen Sammlung.


    Im zwischenmenschlichen Bereich ist unser ästhetisches Empfinden durchaus intakt. Frauen, die von Rubens gemalt worden sind, entsprechen vielleicht nicht mehr dem heutigen Schönheitsideal, aber diese Damen würden mit Sicherheit viel mehr Anklang in der Männerwelt finden, als "Frauen" die ein Picasso auf der Leinwand verunstaltet hat. Ob männliche oder weibliche Models - die Schönheit ist durchaus erarbeitet, mit dem, was heutige "Künstler" malen, hat sie trotzdem nichts gemein.


    Künstler früherer Jahrhunderte hatten die Nebenaufgabe, ihre Zeit zu dokumentieren. Dafür gibt es heute Photoapparate und andere technische Hilfsmittel. Diese Künstler haben allerdings ebenso Impressionen und Visionen gemalt. Leonardo da Vinci war beim letzten Abendmahl nicht dabei, Michelangelo hat David nie gesehen - und trotzdem haben sie Kunstwerke von Weltgeltung geschaffen. Ob Fresco oder Computergraphik - das sind Maltechniken, sie bestimmen nicht das, was von Künstlerhand entsteht.


    Unser Kunstempfinden ist relativ einfach: Schön ist, was gefällt. Richtige Kunstwerke gefallen, ohne umfangreiche Erklärungen, ohne eine "Schulung des Auges". Ja, man kann jede Oper in einem Schlachthof inszenieren und dabei lebende Rindviecher durch das Bühnenbild treiben. Und natürlich versteht man Shakespeare erst auf Kisuaheli so richtig, vor allem, wenn der Schauplatz in die Mongolei verlegt wird. Dem modernen Publikum kann man alles zumuten, und es finden sich bestimmt Kritiker, die diese Spontaneität der Inszenierung (die Schauspieler sind alle betrunken und haben ihre Texte vergessen) in den Himmel loben. Das ist nicht verrückt, das ist Kunst, sagt man uns.


    Es gibt das Adjektiv "künstlich" - es wird oft im Sinn von "minderwertig" benutzt. Kunstleder ist billiger und nicht so strapazierfähig wie Naturleder, Kunsthonig ist ein billiger Ersatz für Naturhonig, künstliche Aromen und künstliche Gene will keiner im Essen haben. Kein Wunder, daß wir heute eine "künstliche Kunst" erleben. Ja, mir ist bekannt, daß "künstlich" auch im Sinne von "entartet" gebraucht werden kann. Die Behauptung, daß Kühe durch Beschallung mit Mozart mehr Milch geben sollen, wird immer wieder mal bewiesen, mal widerlegt. Die Behauptung, daß Säuglinge die Beschallung mit atonaler Musik oder Zwölfton-Kompositionen nicht als Schlaflieder empfinden, glaube ich unbesehen.


    Was veranlaßt einen "Künstler", das Gegenteil dessen zu produzieren, was als schön und ästhetisch empfunden wird? Es gibt immer zwei Erklärungen: Dummheit und böse Absicht. Das Bild "röhrender Hirsch auf Waldlichtung" mag zwar gefallen, der künstlerische Anspruch in der photorealistischen Darstellung ist ebenfalls gegeben, doch die Originalität fehlt. Bei den früheren Kirchenmalern konnte man ebenfalls nicht auffallen, wenn man die 3.776ste Madonna gemalt hat. Allerdings, wer es gut konnte, hatte man damals bald den Auftrag für Madonna 3.777 erhalten und sein Auskommen gesichert.


    Wer aus der Masse der Künstler herausstechen will, muß die Dinge auf neue Weise zeigen. Dabei gibt es jedoch eine natürliche Grenze: Es ist sehr schwer, unter einer Kompanie von 120 Mann mit sauber geputzten Stiefeln durch die saubersten Stiefel von allen aufzufallen. War Dürer besser als Tizian? Breughel besser als van Gogh? Bach besser als Mozart? Da hilft nur der Schritt in eine eigene Kategorie. William Turner wetteiferte nicht mit Dürer und Tizian, er schuf neue Ausdrucksformen für die Kunst. Seine Nachfolger gingen dann wieder einen Schritt weiter...


    [img='http://www.rocknord.net/forum/upload/avatars/utool_f_1284481904_2.jpg','left'] Es gibt jedoch eine Grenze für jeden Künstler. Kennen Sie die Wok-Weltmeisterschaft? Die Idee, mit einem chinesischen Kochtopf unter dem Hintern eine Bobbahn hinunterzurauschen, ist relativ neu. Sie hat den Vorteil, daß man nicht mit etablierten Sportlern konkurriert, den olympischen Bobfahrern. Deren Vorteil des lebenslangen Trainings wird aufgehoben... Wenn ich die "westliche Kunst des Papierfaltens" für mich entdecke, konkurriere ich nicht mit Bildhauern, die andere Materialien bearbeiten, und den japanischen Origami-Meistern, denn das sind ja östliche Papierfalter. Da es keine Konkurrenten gibt, bin ich der größte lebende Künstler des westlichen Papierfaltens... Ich brauche jetzt nur noch ein paar Kritiker, die den Menschen erklären, was für eine einzigartige Leistung ich mit meiner Papierfalterei vollbringe, und einem Mäzen, der dafür massenhaft Geld hinlegt.


    Jeder Mensch kann nur bis zu einer gewissen Größe wachsen, körperlich und geistig. Mit genügend Hingabe, mit genügend Übung erlangt jeder auf seinem Gebiet die Meisterschaft. 10,5, 10,4, 10,3 Sekunden auf 100 Meter, das genügt für die Deutsche Meisterschaft, doch der Weltmaßstab sind 9,8, 9,7 oder 9,6 Sekunden. Das sind fast zehn Meter Unterschied, die der Läufer mit den 10,5 Sekunden trotz aller Mühe und allen Trainingsfleißes nicht aufholen kann. Diese Grenzen existieren ebenso für Künstler. Von Albrecht Dürer wird die Geschichte erzählt, daß er bei einem Künstlerwettbewerb einen Kreis gezeichnet hat - einen einfachen, simplen Kreis. Allerdings einen exakten Kreis, für den jeder Andere einen Zirkel gebraucht hätte. Er hat damit gewonnen, wahre Meisterschaft demonstriert. Ob auch nur einer der heutigen Künstler oder Architekten dieses Kunststück wiederholen könnte? Oder auch nur eine gerade Linie ohne Lineal zeichnen?


    Wenn ich meine volle Größe erreicht habe und trotzdem meiner Meinung nach nicht groß genug bin, gibt es ein paar Tricks. Ich erhöhe mich mit Plateau-Sohlen oder stelle mich auf ein Podest, mache mich also größer als ich bin. Oder ich sorge dafür, daß alle in meiner Nähe auf die Knie fallen, sich also kleiner machen als sie sind. Wenn meine königliche Leibwache dafür sorgt, daß sich alle hinknien, klappt das. Ja, dieser gewaltsame Weg wird heute ebenfalls beschritten, es gibt da ein Volk, das alle anderen gerne auf den Knien sieht.


    Es gibt einen Weg, das zu erreichen, ohne eine königliche Leibwache: den Weg der geistigen Überlegenheit. Der gefühlten geistigen Überlegenheit, natürlich. Ich male ein Bild, eine richtig üble Kleckserei, die sogar ich zustande bringe. Jetzt kommt die Marketing-Abteilung ins Spiel, die das zur Offenbarung erklärt. Oh, das funktioniert, wenn genügend Interessen dahinter stehen. Der bekannteste Physiker der Welt hat 1905 aus zahlreichen Quellen abgeschrieben, ohne diese zu nennen. Als sein Name bekannt wurde, verschwand die Genialität schlagartig, erst 1915, als der erste Weltkrieg die Beobachtung gelockert hatte, kam noch einmal jene inspirierte Genialität zum Vorschein, die nächsten 40 Jahre war das Genie völlig unproduktiv, aber hochgeehrt.


    Sehen Sie des Kaisers tolle Prunkgewänder? Sie müssen die doch sehen, denn wenn Sie diese nicht sehen, sind Sie entweder dumm oder unfähig in Ihrem Amt. Sie bezeichnen meine Kleckserei als Kleckserei? Wie stillos und ungebildet! Wo doch zahllose Kritiker meine Werke loben, ich eine Auszeichnung nach der anderen bekomme und dieser Mist auf Auktionen Millionen erzielt. Und wenn der Stararchitekt häßliche Synagogen, häßliche Bürogebäude oder häßliche Bahnhöfe entwirft, dann liegt das nicht daran, daß dieser Herr die Grenzen seines Könnens erreicht hat und nur noch wachsen kann, indem er sich über das Publikum lustig macht, es also auf die Knie fallen läßt, sondern daran, daß ich keine Ahnung von moderner Architektur habe.


    [imgr]http://www.rocknord.net/forum/…/utool_f_1284481923_2.jpg[/imgr] Ich gehöre halt zu den einfach strukturierten Leuten, denen nicht zu helfen ist. Die Schönheit der Würzburger Residenz oder die Schönheit der alten Mainzer Synagoge, die habe ich noch verstanden. Die Schönheit der neuen Mainzer Synagoge oder des Petrini-Baus in Würzburg geht über mein Verständnis. Da können mir Architektur-Fachleute noch so intensive Vorträge halten, ich sehe immer nur den nackten Kaiser herumlaufen. Ich habe während meines Studiums aushilfsweise Kunstausstellungen bewacht - und verhindert, daß Leute darin ihre Bilder aufhängen. Klauen wollte die Kunstobjekte keiner, das waren oft genug Bilder in jener Qualität, die man ins Gästezimmer hängt, wenn die Schwiegermutter nicht allzu lange bleiben soll. Ich habe damals das Mittelalter schätzen gelernt, jene zivilisierte Zeit, in der man nicht die Bilder aufgehängt hätte, sondern die Künstler.


    Oh, ich habe dort auch das Gegenteil erlebt. Ein abstraktes Bild, blauer Hintergrund und eine Menge quadratischer Farbkleckse darauf. Beim Betrachten mußte ich unwillkürlich lachen - das Bild hatte den Titel "Freude" und genau diese Emotion bei mir hervorgerufen. Den Namen des Künstlers habe ich mir leider nicht gemerkt, er gehörte zu den lokalen Größen, nicht zu den gefeierten Weltmalern. Die Kategorien "schön", "nicht so schön" und "Schwiegermutterabwehrbild" habe ich seit damals beibehalten.


    Kunst kommt von "können", nicht von "wollen", denn sonst würde es "Wunst" heißen. Diesen Spruch kennen Sie vermutlich ebenfalls. Wünstler gibt es genug, und wer sich an diese Leute dranhängt und sie fördert, ist ebenfalls so ein Wünstler, denn er betreibt die Kunst, einen Künstler aufzubauen, der alles ist, bloß kein Könner.


    Gerade in der heutigen Zeit wären eindrucksvolle Bauten recht preiswert. Statt Säulen mühevoll von Steinmetzen behauen zu lassen, gießt man die Dinger in Stahlbeton vor, ob nun dorisch oder Rokoko, alles kommt fertig aus der Fabrik. Kuppeln, Erker - moderne Baumaterialien lassen jede Verspieltheit zu. Nüchterne Klötze oder Trümmerteil-Architektur sind unnötig. Außer für Architekten, die, sagen wir, in ihrer Berufsbezeichnung dringend ein "s" aufnehmen sollten.


    Immerhin, einen Vorteil haben des Kaisers neue Kleider: Häßliche Gebäude und Mahnmale, die vom Steuerzahler bezahlt wurden, sind keine Kulturgüter, sie können jederzeit abgerissen werden. Wobei das vermutlich nicht einmal nötig wird, wie man an den primitiven Klötzen des Holocaust™-Mahnmals in Berlin sieht, die von ganz alleine zerbröckeln. Wünstler am Werk... Ach ja, die Kirche von Oberdürrbach wurde auch schon saniert, die neue, natürlich. Bei der alten ist das nicht nötig.


    Die Kunst, die ein Staat produziert, bzw. das, was von einer Gesellschaft als Kunst deklariert wird, dient als Gradmesser für die Dekadenz. Wenn das "einfache Volk" die Kunst nicht mehr versteht, ist sie zur Kunst der abgehobenen Oberschicht geworden. Wenn "Künstler" es nötig haben, die Werke der alten Meister in den Schmutz zu ziehen, dann zeigt dies, daß es mit deren Können nicht weit her ist. Sie sind nicht fähig, Eigenes zu entwickeln, deshalb beschränken sie sich darauf, Bewährtes zu interpretieren. Die "Bildungs"-Elite und ihre Schmeichler in den Zeitungen mögen Maler oder Regisseure hochjubeln, doch jedes Kind sieht, daß der Kaiser keine Kleider anhat.


    Quelle: Michael Winkler

    „Noch sitzt ihr da oben, ihr feigen Gestalten, vom Feinde bezahlt und dem Volke zum Spott. Doch einst wird wieder Gerechtigkeit walten, dann richtet das Volk und es gnade euch Gott.“ Carl Theodor Körner Deutscher Dichter, gefallen 1813 im Alter von 21 Jahren im Freiheitskrieg gegen Napoleon

  • Halte aber auch nichts von dieser modernen Architektur: Schnöde Bauten aus Stahl und Glas, irgendwie alle ähnlich.

    "Wenn eine fremde Macht ein Volk ermahnt, die eigene Nationalität zu vergessen, so ist das kein Ausfluß von Internationalismus, sondern dient nur dem Zweck, die Fremdherrschaft zu verewigen."


    Friedrich Engels (1820 - 1895)

  • Zitat von "SelbstSchutz"


    Halte aber auch nichts von dieser modernen Architektur: Schnöde Bauten aus Stahl und Glas, irgendwie alle ähnlich.


    So ein hässlicher Betonklotz soll schöner sein? Stahl und Glas drücken eine Leichtigkeit aus und es wirkt nicht so bedrückend. Auch gibt es reizvolle Kombinationen von Beton, Glas, Holz und Stahl. Die moderne Architektur hat viel zu bieten.

    Lasst euren Körper vergessen, was tierische Produkte sind - euren Verstand aber nicht.

  • Zitat von "Der_Uerdinger"

    So ein hässlicher Betonklotz soll schöner sein? Stahl und Glas drücken eine Leichtigkeit aus und es wirkt nicht so bedrückend. Auch gibt es reizvolle Kombinationen von Beton, Glas, Holz und Stahl. Die moderne Architektur hat viel zu bieten.


    Ich rede da eher von Bauten früherer Zeiten wie z.B. der Reichstag oder die Häuser aus der Gründerzeit!

    "Wenn eine fremde Macht ein Volk ermahnt, die eigene Nationalität zu vergessen, so ist das kein Ausfluß von Internationalismus, sondern dient nur dem Zweck, die Fremdherrschaft zu verewigen."


    Friedrich Engels (1820 - 1895)