Michael Winkler: Dumm-Quatsch-Tribunale.

  • [img='http://www.rocknord.net/forum/upload/avatars/utool_f_1283966323_2.jpg','left'] Ich spreche in diesem Artikel nicht von den Sendungen am Nachmittag, in dem das Prekariat mit so wunderbaren Berichten unterhalten wird wie: Mein Nachbar hat hinter meinem Rücken ein Verhältnis mit meinem Kanarienvogel. Diese Sendungen dienen anerkannterweise der Befriedigung der niederen Instinkte, für Leute, die nicht wie die Kanzlerin einfach mal ein paar Eisberge oder ein paar Windmühlen anschauen fliegen können. Die Laienschauspieler, die dabei die Entrüstung des Publikums auf sich ziehen, geben sich ja auch größte Mühe, so richtig abartig, pervers und verkommen aufzutreten.


    Es geht in diesem Artikel um jene Sendungen, welche die Bezahl-Sender von ARD und ZDF als seriös ansehen. Was seriös ist, kommt natürlich aus Amerika, folglich heißen diese Sendungen "Talkshows", was wörtlich übersetzt etwa "unterhaltsame Gerede-Vorführung" heißen müßte. Ein paar Leute sitzen zusammen und plaudern miteinander, und das geneigte Publikum darf kleinen Kindern gleich stumm zuhören und den Weisheiten der Großen lauschen.


    Nebenbei, es gibt eine Sendung, in der genau das geschieht, und die ich ausdrücklich ausnehmen möchte: Es handelt sich um die Sendung im Ersten, Sonntag Mittag, die einst Internationaler Frühschoppen hieß und heute als Presseclub firmiert. Früher waren es sechs Journalisten aus fünf Ländern, heute sind es fünf Systemhuren, pardon, Damen und Herren Schreiberlinge, die miteinander plaudern. Und da jeder ein ausgesuchter Mitarbeiter ist, getreulich an der Leine des Chefredakteurs laufend und mit Maulkorb versehen, sind das tatsächlich nette Kollegen, die gleichberechtigt und politisch 100% korrekt über scheinbar wichtige Themen plaudern. Und natürlich nichts bewirken, denn jeder von denen ist austauschbar.


    [imgr]http://www.rocknord.net/forum/…/utool_f_1283966346_2.jpg[/imgr] Bei den abendlichen Plauderrunden ist das geringfügig anders, da sitzt schon mal ein Minister oder gar ein Fraktionsvorsitzender mit dabei, also Leute, denen der Normal-Zuschauer zutraut, nicht nur eine Meinung zu haben, sondern obendrein noch die Möglichkeit, diese Meinung umzusetzen. Mit der Realität hat diese Einschätzung leider wenig zu tun, Politik wird im Hinterzimmer ausgekungelt und die Damen und Herren Minister haben noch weitaus mehr Hundeleinen um den Hals als die größte Systemhure unter den Journalisten. Theoretisch sollte der Kanzler die Minister führen, und es hält sich hartnäckig das Gerücht, Helmut Schmidt hätte das tatsächlich getan. Die nächste Leine kommt von der jeweiligen Partei, denn die läßt solche Leute natürlich nicht frei laufen. Die dritte Leine halten die Beamten in den jeweiligen Ministerien, denn die Dame oder der Herr Minister hat von seinem Fach keine Ahnung, im Gegensatz zu den Beamten.


    Weitere Leinen und Maulkörbe kommen von mehr oder weniger geheimen Organisationen. Lautstark, ungeschickt und öffentlich ist dabei der Zentrale Empörungsrat, verdeckt und gemeiner sind Atlantikbrücke, Lobbyistenverbände, Bilderberger und die sonstigen Weltverschwörungsverdächtigen. Politiker werden arrangiert, also gezielt aufgebaut, für bestimmte Zwecke. Das "Talent", das sich durchsetzt, gehört eher zu Alice im Wunderland. Jene, die einen Politiker oder einer Politikerin aufbauen, tun das in Erwartung einer Dividende, einer Nützlichkeit. Da plaudert niemand im Fernsehen über das, was im Hinterzimmer als geheim besprochen wurde.


    Glauben Sie wirklich, daß jemand, der mindestens drei Hundeleinen um den Hals trägt, in einer lockeren Plauderrunde die Wahrheit sagt? Oder gar ankündigt, was er in der nahen Zukunft zu tun gedenkt? Oder auch nur weiß, was er sagt? Damit hätten wir den Informationsgehalt dieser Sendungen eingegrenzt. Es geht nicht darum zu informieren, es genügt zu unterhalten. Show - nicht Information. Abgesehen davon - keinen Politiker interessiert sein Geschwätz von gestern und noch weniger seine Versprechungen vor der Wahl.


    [img='http://www.rocknord.net/forum/upload/avatars/utool_f_1283966371_2.jpg','left'] Aber das war die gute alte Zeit, der Stand von vor zehn Jahren. Inzwischen wird aus den Shows gerne ein Schauprozeß gemacht, ein Tribunal. Der Meilenstein dazu wurde bei Johannes B. Kerner genommen, ja, genau, bei dem Werbefritzen, der seine Bekanntheit aus der Plauderrunde gerne durch Abkassieren für drittklassige Produkte ausnutzt. Zwei sogenannte Schauspielerinnen und ein "Commedian" fallen mit der Unterstützung des grottenschlechten Moderators über Eva Herman her, und als diese sich ansatzweise wehrt, wirft der selbsternannte Lord Oberrichter die Dame des Anstoßes auch noch aus der Sendung.


    Ich gebe zu, daß ich mir diesen Tiefpunkt der qualitätsfreien Medien nur ausschnittsweise im Internet angesehen habe, um eine Dumm-Quatsch-Sendung im Fernsehen anzusehen, müßte ich mich in die Nähe einer Alkoholvergiftung trinken. Immerhin, das Fernsehen ist ehrlich: Es warnt die Zuschauer vor, indem die Sendung in der Regel nach dem Oberquatscher benannt wird, ob männlich oder weiblich. Gegenüber dem, was sich heute tummelt, waren Schreinemakers, Fliege und Meiser zu ihrer Zeit geradezu investigative und der Wahrheit verpflichtete neutrale Reporter. Kerner, Beckmann, Will, Illner... jeder von denen empfindet sich als Westentaschen-Friedman, in der Hoffnung, für wenig Leistung und etwas Frechheit viel Geld zu bekommen.


    Wobei Friedman natürlich nur ein Vorbild ist, wenn man seinen Mitmenschen lästig fallen möchte. Ein Mann, der weder seine Triebe beherrschen, noch ohne weißes Pulver kreativ sein konnte, ist wahrhaftig kein Vorbild. Das beruht nicht auf Antisemitismus, sondern auf persönlichen Charakterschwächen. Und wenn sich andere Moderatoren an diesem schlechten Benehmen orientieren, dann sind diese "Shows" nicht verjudet, sondern "verfriedmant".


    Wie zieht man ein Dumm-Quatsch-Tribunal auf? Das Paradebeispiel ist ausnahmsweise keine der "Namens-Shows", sondern das ach so seriöse "Hart aber völlig unfair", das vom WDR ins Erste übernommen wurde. Die Grundregeln entstammen dem Schauprozeß, ob vor einem französischen Revolutionsgericht, einem sowjetischen Verfahren unter Stalin oder vor Freislers Volksgerichtshof. Bis auf das obligatorische Todesurteil und dem zivilisierten Umgangston wird das gleiche Schema eingehalten.


    Als erstes gibt der Moderator oder eine Stimme aus der Regie eine Einführung - eben das Verlesen der Anklageschrift. Darf dann der Beschuldigte reden? Vielleicht, aber noch besser sind die honorigen Zeugen der Anklage, also die Gegner des Delinquenten. Die dürfen ihre ganzen Argumente vorbringen, vielleicht noch unterstützt von kleinen Videobeweisen. Im Publikum sitzen die Claqueure, die applaudieren, als würden sie es bezahlt bekommen. Schließlich darf der Angeklagte etwas sagen, aber bitte nicht auf die Zeugen antworten, sondern auf eine Frage des Gerichtspräsidenten, also des Moderators. Geht der Angeklagte darauf ein, bleiben alle Vorwürfe unwidersprochen, geht er nicht darauf ein, wirkt er wie ein Rechthaber. Vielleicht klatscht das Publikum, aber diesmal so, als würde es das nicht bezahlt bekommen.


    [imgr]http://www.rocknord.net/forum/…/utool_f_1283966391_2.jpg[/imgr] Moderatoren, die eine bessere Kinderstube als Michel Friedman genossen haben, lassen die Betroffenen immerhin ausreden. Wobei Mit-Plauderer oder gar Rufer aus dem Publikum hin und wieder weniger gut erzogen sind.


    Natürlich sind Tribunale immer ausgewogen, also ein Angeklagter und ein Rudel Hyänen auf der Gegenseite. Beliebt sind Konstellationen wie ein Prof. Dr. Chefarzt, ein Prof. Dr. Ärztefunktionär, ein Dr. Gesundheitsminister (Prof. erst nach Ausscheiden aus der Politik), ein Prof. Dr. Krankenkassenvertreter und eine junge, unerfahrene Krankenschwester. Um was es bei diesem Gespräch geht? Na, um die Arbeitsbelastung des Pflegepersonals! Ist doch offensichtlich!


    Ganz so verblödet, wie sie gerne hingestellt werden, sind die Fernsehzuschauer übrigens gar nicht. Selbst Freislers Volksgerichtshof wurde von der Mehrzahl der Deutschen abgelehnt, auch wenn ein Prof. Dr. Guido Knopp eine von der Wahrheit abweichende Ansicht vertritt. Die Mehrzahl der Zuschauer sympathisiert trotzdem mit der Krankenschwester, mit dem Hartz-IV-Empfänger oder eben Thilo Sarrazin, trotz des Massenauftriebs von Professoren und Prominenten.


    Aber das ist nicht nötig, weil immer etwas hängen bleibt. Und es gibt immer Sympathien von der falschen Seite, die dank solcher Tribunale erweckt werden. Eva Herman ist bestimmt keine Symbolfigur der Neonazis, mit denen hatte diese Dame nie etwas zu tun. Aber wenn Kerner sie in die rechte Ecke stellt, weil sie behauptet, Hitler hätte die Autobahnen bauen lassen, dann... Na ja, aber wer ist schon Johannes B. Kerner? Hitler HAT die Autobahnen bauen lassen, soweit ich weiß, sogar nach dem Evangelium von Guido Knopp.


    Aber wenn der große Genosse Stalin die Verurteilung befohlen hat, dann sind in der Hitler-Zeit errichtete Autobahnen abgrundtief böse und nach 1945 gebaute eindeutig demokratisch, völlig anders und deshalb gut.


    [img='http://www.rocknord.net/forum/upload/avatars/utool_f_1283966419_2.jpg','left'] Allerdings zeigen die Dumm-Quatsch-Tribunale kaum noch Wirkung, und auch das ist eine Parallele zu Freisler. Goebbels schaffte es nicht mehr, die Moral aufzurichten, nachdem im Westen, im Süden und im Osten die Feinde auf dem Vormarsch waren. Da mußte Freisler zeigen, was mit denen passiert, die nicht mehr an den Endsieg glauben. Wer nur mal vor die Tür gehen oder den Pausenhof einer Schule anschauen muß, um zu sehen und zu hören, wie es um die Integration bestellt ist, dem kann das Fernsehen noch so viele Positivbeispiele andienen.


    Dumm-Quatsch-Tribunale in öffentlich-rechtlichen Anstalten zeigen deutlich, daß das Fernsehen mehr und mehr zum Propaganda-Medium geworden ist. Es ist natürlich ein Privileg, Tausende Euro dafür zu bekommen, daß man vor laufender Kamera ein wenig mit angeblich interessanten Leuten plaudert. Für dieses Privileg sind Moderatoren gerne bereit, sich zu prostituieren, ihre Seele dem Teufel zu verkaufen. Andere müssen für dieses Geld richtig arbeiten, das macht diese Plauderer zahm und es sorgt dafür, daß die Wünsche der Regierung bereitwillig erfüllt werden, seien sie nun ausgesprochen oder nicht.


    Die Kunst einer Regierung besteht nicht darin, Befehle zu erteilen, sondern darin, vorauseilenden Gehorsam zu erzeugen. Mao Tse-Tung hat das so ausgedrückt: Einen bestrafen, hundert erziehen. Der Sturz aus dem Fernseh-Olymp ist möglich, das wurde an Eva Herman vorgeführt, an Margarethe Schreinemakers und an Hans Meiser. Eigene Ideen, ja eine eigene Meinung ist unerwünscht, bezahlt wird nur Rückgratlosigkeit. Das hat im Dritten Reich bis 1945 funktioniert, das hat in der DDR bis 1989 funktioniert, das funktioniert auch wunderbar in Merkel-Deutschland.


    Wie lange noch? Das ist ungewiß, aber es gibt Hoffnung, weil es so einfach ist: Abwahl per Fernbedienung. Der echte Friedman wurde ins hinterletzte Fernseh-Sibirien verbannt, seine Nachahmer werden ebenfalls dort landen. Dummes Gequatsche nervt auf die Dauer, folglich verschwinden die Nervensägen. Wir Zuschauer werden dadurch nichts verlieren, es sei denn, das Fernsehen findet eine noch niveaulosere Variante der "Unterhaltung".


    Quelle: Michael Winkler

    „Noch sitzt ihr da oben, ihr feigen Gestalten, vom Feinde bezahlt und dem Volke zum Spott. Doch einst wird wieder Gerechtigkeit walten, dann richtet das Volk und es gnade euch Gott.“ Carl Theodor Körner Deutscher Dichter, gefallen 1813 im Alter von 21 Jahren im Freiheitskrieg gegen Napoleon

  • Das mit Eva Herman habe ich gesehen. Das hat mich irgendwie an eine Hexenverbrenneung erinnert: Bereue, und du wirst einen gnädigen Tod haben! Einzig und allein Mario Barth muss ich zugute halten, das er sich da rausgehalten hat.

    Die Kontrolle der Medien ist die Kontrolle des Geistes
    Cabal


    Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke
    George Orwell


    Das Denken ist zwar allen Menschen erlaubt, aber vielen bleibt es erspart
    Curt Goetz

  • Es war noch ärmer: Gitti fragte Özi.


    Bester Gruss
    RockNORD-Redax

    „Noch sitzt ihr da oben, ihr feigen Gestalten, vom Feinde bezahlt und dem Volke zum Spott. Doch einst wird wieder Gerechtigkeit walten, dann richtet das Volk und es gnade euch Gott.“ Carl Theodor Körner Deutscher Dichter, gefallen 1813 im Alter von 21 Jahren im Freiheitskrieg gegen Napoleon