Michael Winkler: Egoismus.

  • Der Sportverein Briefmarkenfreunde von 1859 e.V. Mittelmietraching hält seine Jahrshauptversammlung ab. Volle hundert Mitglieder sind erschienen und die Debatten wogen hoch. In einem Punkt herrscht jedoch schnell Einstimmigkeit: Alle 100 Mitglieder stimmen überein, daß ein moderner Briefmarken-Sportverein mit 50 Euro Jahresbeitrag nicht mehr auskommt. Am Ende der Debatte stehen vier Anträge zur Wahl: Zuerst wird über 100 Euro Jahresbeitrag abgestimmt, doch mit nur 10 Unterstützern wird der Antrag abgeschmettert. Für 90 Euro sind 20 Mitglieder, für 75 Euro stimmen 30 Mitglieder und für 60 Euro stimmen 40 Mitglieder. Da somit alle Anträge durchgefallen sind, kündigt der Vorstand drastische Sparmaßnahmen an.


    Was war geschehen? Nun, die 100er hielten jeden anderen Betrag für zu gering und haben folglich dagegen gestimmt. Den 90ern waren 100 Euro zu hoch, niedrigere Beiträge erachteten sie für blödsinnig. Die 75er wollten einen Kompromiß, und wären die 90er und 100er ein wenig toleranter gewesen, wäre deren Antrag mit 60 zu 40 durchgegangen. Die Leute mit der sozialen Ader, die nur moderat anheben wollten, standen mit ihren 60 Euro auf verlorenem Posten, da die anderen Mitglieder dachten, daß der Verein mit so wenig Geld sowieso nicht auskommen würde.


    Ob das in anderen Ländern auch so ist, weiß ich nicht, ein ähnliches Stimmverhalten habe ich in Deutschland schon selbst erlebt. Vernunft ist oft Mangelware, obwohl sie in vielen Fällen weiterhelfen würde.


    Schauen wir uns politische Parteien an. Als der schillernde Egomane Oskar Lafontaine sich in der Bundesregierung seiner SPD nicht durchsetzen konnte, warf er den Bettel hin und machte seinen eigenen Laden auf, die WASG. Erst als er die Erfolglosigkeit dieser Strategie einsah, verbündete er sich mit der SED bzw. PDS zur neuen Linken.


    Gabriele Pauli war eine glückliche Landrätin in Fürth, in der CSU hat sie es bis ins Präsidium geschafft. Und als sie den morsch gewordenen Edmund Stoiber abservierte, gehörten ihr die Sympathien eines ganzen Bundeslandes. Aber die Frau hat damit ihren Egotrip erst begonnen und wollte weiter nach oben. Zunächst versuchte sie sich als CSU-Vorsitzende, dann wechselte sie zu den Freien Wählern und kam mit ihnen zwar in den Landtag, aber nicht an die Regierung. Als treibende Kaft stand sie hinter den Europa-Wahl-Ambitionen ihres neuen Haufens. Das hat nur leider nicht so geklappt, also überlegt Frau Pauli jetzt heftigst, einen eigenen Laden aufzumachen, um in den Bundestag zu kommen.


    Die SPD leidet unter einem ganzen Egoistinnen-Trio. Andrea Ypsilanti hätte als Juniorpartnerin in eine große Koalition mit Roland Koch eintreten können, doch dazu wären ein paar Abstriche bei ihren Wünschen erforderlich gewesen. Die Dame wollte alles und bekam nichts. Andrea Nahles hat eine gemischte Bilanz ihres parteischädigenden Verhaltens: Sie hat erfolgreich Franz Müntefering rausgebissen und anschließend noch Kurt Beck abgeschossen. Mit ihrer Präsidenten-Kandidatin hat sie den Reigen der Niederlagen für ihre Partei im Jahr 2009 eröffnet und mit Müntefering ein dankbares Ex-Opfer wieder vor die Nase bekommen. Gesine Schwan wollte es wissen. 2004, als die SPD zu schwach war, um den Bundespräsidenten zu stellen, wollte sie mit "Frau nach Rau" ein paar Sympathiewerte einsammeln. 2009 wollte die von sich überzeugte Dame trotz der Stimmung im Volk und der sich abzeichnenden Stimmverhältnisse unbedingt noch einmal. Ich will, ich will, ich will - Kindergarten, nicht das Niveau einer Universitäts-Präsidentin.


    Aber dieser Egoismus ist weder auf die holde Weiblichkeit noch auf die Linken beschränkt. Vor Jahrhunderten konnte sich das Domkapitel zu Würzburg nicht auf einen neuen Fürstbischof einigen, also haben sie sich mit Herrn von Scherenberg abgefunden. Der war mit 65 der Älteste unter den Domherren und sollte es nach Ansicht der übrigen nicht sonderlich lange machen. So hätte man ein paar Monate Zeit, sich in Ruhe zu streiten und bis zu dessen Ableben einen ernsthaften Kandidaten für die Nachfolge auszukungeln. Nur besaß Herr von Scherenberg die Frechheit, 93 Jahre alt zu werden und alle zu überleben, die ihn damals gewählt hatten.


    Bei den rechten Parteien in Deutschland treibt der Egoismus fröhliche Urstände. Da gibt es die NPD, die Republikaner und die DVU. Wenn alle davon so um die 20 Prozent hätten, wäre das eine nette große Koalition. So aber haben alle unter zwei Prozent und müssen in der Regel draußen bleiben, wenn die Damen und Herren Abgeordneten Dienstwagen und Pöstchen verteilen.


    Da aber drei rechte Kleinparteien noch immer nicht reichen, möchten viele Leute noch eine eigene Splitterpartei beisteuern. Frei nach dem Motto: Ich habe zwar nichts zu sagen, aber dafür bin ich der Chef. Ich bin mittlerweile ein rundes Dutzend Mal darauf angesprochen worden, eine eigene Partei zu gründen oder mich irgendwo an einer ganz revolutionär neuen Partei zu beteiligen. Bei der Europa-Wahl hatten wir bereits über 10 Prozent Stimmanteil von Splittergruppen, also gültige Stimmen, die unter den Tisch gefallen sind. Müssen es 20 Prozent Habenichtse werden? Bei der Europa-Wahl waren es bis zu 31 Parteien (je nach Bundesland). Wie viele sind wohl genug? 50? 100? 200? Warum nicht gleich 82,4 Millionen, für jeden Einwohner seine Eigene?


    Früher hieß es "Feind, Todfeind, Parteifreund", doch das ist Geschichte. Schön, die SPD hat es versucht, mit dem rollierenden Jahresabschnittsvorsitzenden ein paar mehr Ämter zu schaffen, doch das hat die Genossen nicht befriedigt, weil es trotzdem immer nur einen Parteichef und einen Generalsekretär gleichzeitig gibt. Da helfen nur neue Parteien, wenn es wirklich jeden mal treffen soll. Nur, leider, bieten so kleine Parteien weder Mandate noch Dienstwagen.


    Hingabe an die Sache, das "Arbeiten für Gotteslohn", stirbt in einer Egoistengesellschaft aus. Oft genug gibt es den Egoismus in der Verkleidung des Gegenteils. Da haben wir Helfer, die ach so sozial zu jedem Behinderten sind. Warum? Weil der Behinderte von ihnen völlig abhängig ist! Der hilfsbedürftige Mensch wird zum Statussymbol, zum Zeichen, was "ich" doch alles für die Gesellschaft tue, wie sehr "ich" mich aufopfere. Der Hilfsbedürftige, ob durch Geburt, Unfall oder Alter, garantiert das Einkommen und die Beachtung der Helfer, befriedigt deren Geltungssucht. Wo echte Hilfe aufhört und die Selbstbefriedigung anfängt, ist schwer zu entscheiden. Oft genug weiß es der Helfer nicht einmal selbst.


    Die einfachste Variante des Egoismus ist das "Es geht nicht, ich bin beschäftigt." Weil ich beschäftigt bin, habe ich leider keine Zeit. Dabei bin ich nur deshalb beschäftigt, um eben keine Zeit zu haben, um mich vor dem zu drücken, was ich sonst machen müßte.


    Egoismus beginnt im Kleinen. Ich hatte bislang angenommen, daß die Leser meiner Seite sich für Politik interessieren und sich einen größeren Durchblick angeeignet haben, als die "Alberts" dieser Gesellschaft. Trotzdem haben mir inzwischen mehrere Leute gesagt, sie seien nicht zur Europawahl gegangen, weil sie das für einen überflüssigen Blödsinn halten.


    Egoismus? Stolz? Dummheit? Suchen Sie sich aus, was Ihr Motiv ist, falls Sie ebenfalls nicht bei der Wahl gewesen sind. Welche Partei Sie wählen, ist Ihre Angelegenheit, das will und darf ich Ihnen nicht vorschreiben. Ich habe die Motive für meine Empfehlung genannt, mehr als eine Empfehlung sollte es nicht sein. Aber überhaupt nicht wählen?


    Eine abgegebene Stimme bewirkt nicht viel, wenn sie an eine kleine Partei geht, die nicht ins Parlament kommt. Eine Stimme, die nicht abgegeben wird, bewirkt nicht einmal das. Der Nichtwähler ist die Manipulationsmasse in der Schafherde, stimmlos und sich selbst entrechtend. Den Wahlschein zurück schicken mit dem Vermerk: "Ich gehöre Ihrer Sekte nicht an", macht sich ganz gut, um auf dem Stammtisch damit zu prahlen. Ehrlicher wäre: "Ich habe resigniert und mich dem System untergeordnet. Widerstand ist zwecklos." Na gut, ich formuliere es ein wenig freundlicher: "Da ich sowieso nicht für das stimmen kann, was ich haben möchte, habe ich auf die Mühe der Stimmabgabe gänzlich verzichtet."


    Der Egoismus ist biologisch angelegt, er gehört zu den Urtrieben selbst der primitivsten Lebewesen. Die Ausprägung, in der er sich am reinsten zeigt, ist der Selbsterhaltungstrieb. "Ich, ich, ich!" Ein Gefühl, das uns beherrscht, wenn wir uns vor einer engen Tür drängen und womöglich gegenseitig zu Tode trampeln, als einen Sekundenbruchteil nachzudenken und den zweiten Türflügel zu öffnen. Geht das in Fluchtrichtung, reicht EIN Besonnener, geht es gegen die Fluchtrichtung, müßten ein paar Leute zurückweichen, um die Tür zu öffnen - ich vermute, daß dies niemand schaffen wird.


    Egoismus ist oft genug Dummheit, doch diese Dummheit ist nur scheinbar der Grund, denn selbst an und für sich intelligente Menschen verhalten sich oft genug dumm und egoistisch. Der Egoismus läßt uns eine erste Lösung finden, mit der wir uns aus Denkfaulheit zufrieden geben. Nicht genutzte Intelligenz wirkt im Ergebnis genau so, wie nicht vorhandene Intelligenz.


    Ein typisches Beispiel finden Sie, wenn Sie auf der Seite von Amazon einmal die Rezensionen zu meinem Buch "Die spirituelle Welt" ansehen. Da hat es doch tatsächlich jemand fertig gebracht, Pranger und Tageskommentare zu loben und einen Verriß über dieses Buch zu schreiben. Dieser Mensch hat ganz offensichtlich nicht begriffen, daß meine Bücher diese Internetseite finanzieren. Zur Sachlichkeit der Kritik möchte ich ebenfalls ein paar Worte sagen: Niemand hat Nietzsche, Kant, Hegel oder Schopenhauer vorgeworfen, eigene Gedanken aufzuschreiben. Wer nicht abschreibt, sondern selbst denkt, deutlich weiter geht, als jene, von denen er gelernt hat, kann gar keine Quellen angeben. Die Mengenlehre ist ein eigenes und eigentlich recht triviales Konzept. Man kann es anhand der ganzen Zahlen ableiten, aber es wäre blödsinnig, ein Lehrbuch über die vier Grundrechenarten als Quelle anzugeben. Ach ja, eine letzte Anmerkung noch: Ein Klappentext dient als Werbung, deshalb benötigt er eine plakative Mindestschriftgröße. In einer Drei-Punkt-Mikroschrift ließe sich natürlich der zehn- bis zwanzigfache Umfang an Informationen darbieten, doch leider ist kaum ein Leser bereit, ein Buch unter ein Mikroskop zu legen, um das zu entziffern. Die Alternative, eine zusammenfaltbare Rückseite, die sich auf DIN A0 ausklappen läßt, hat bislang noch niemand versucht.


    Es ist diese Gedankenlosigkeit, das monokausale Denken, das zu egoistischen Handlungen führt. Ohne meine Romane, ohne jene zehntausend Stunden Vorübung im Erzählen von Geschichten, im Vermitteln von Zusammenhängen, hätte ich vor fünf Jahren nicht anzufangen brauchen, Pranger-Texte zu schreiben. Es gibt Autoren, die schreiben über Politik - und zwar NUR über Politik. Andere Autoren schreiben über Wirtschaft, andere über Gold und jene, die in verständlichem, leicht zu lesendem Deutsch über Philosophie schreiben, muß man mit der Lupe suchen. Ich greife alle diese Themen auf und füge auch noch Kurzgeschichten hinzu.


    In den Tageskommentaren muß ich mich weitgehend an das halten, was die Nachrichten mir vorgeben. Im Pranger kann ich mir die Themen aussuchen. Gold und Silber geben nicht viel her, da reicht eine Seite, um das Wichtigste zusammenzufassen und fünf Seiten - ungefähr der Umfang eines Prangers - um das auch noch zu erklären. Ich habe das unter dem Titel "Altersvorsorge" schon am 1. Dezember 2004 behandelt. Seitdem hätte ich jede Woche von irgendwelchen "Krummnasen", "Bilderbergern", "Illuminaten" oder sonstigen Bösewichtern schreiben können, die den Goldpreis mit aller Gewalt drücken und die Finanzmärkte manipulieren. Gold ist seitdem um gute 50% im Wert gestiegen, wer es besitzt, mag sich ärgern, daß es nicht 500% waren, doch mit Aktien oder Sparbüchern hätte man nicht mal das erzielt.


    Ich weiß, daß ein paar Leser es nicht mögen, wenn ich Kurzgeschichten hier hineinsetze. Dafür gibt es andere Leser, die mich auffordern, daraus doch einen ganzen Roman zu entwickeln. Ich weiß, wenn ich die FOCUS in die Hand nehme, daß ich ein Systemblatt vor mir habe, das gefärbte Nachrichten im radikalen Neuschreib veröffentlicht. Ich weiß auch, daß ich darin eine Kolumne von Harald Schmidt vorfinde, die ich nach einem kurzen Blick auf die Überschrift überschlagen werde, weil ich mir dessen Blödsinn nicht antun will. Trotzdem hat sogar die FOCUS schon Vorlagen für meine Texte geliefert. Würde das Blatt verschwinden, müßte ich Ersatz suchen und mir womöglich den Stern zumuten.


    Das Gegenteil von Vielfalt ist Einfalt, und wer aus Egoismus die Vielfalt ablehnt, hat sich für die Einfalt entschieden.


    Egoismus ist der Drang, die Anderen zu ändern, bei gleichzeitiger Verweigerung, das Einzige zu ändern, was man wirklich ändern kann: sich selbst. Die Versuche sind Legion und jeder einzelne davon ist gescheitert. Liebe deine Feinde, halte die andere Wange hin - das ist die Botschaft des Christentums. Deshalb hat der christliche Mensch des Abendlandes seine Heilsbotschaft mit Feuer und Schwert, mit Greuel und Mord in die Welt hinausgetragen. Der Renaissance-Mensch, der Mensch der Aufklärung, der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit predigte, hat in Amerika einen Staat von Sklavenhaltern gegründet, der unserer Welt nicht die Freiheit, sondern Krieg, Zerstörung und Unterdrückung brachte und bringt.


    Weitere Beispiele? Bitte sehr! Der sozialistische Mensch, dem nach den Lehren von Karl Marx alles nach seinen Bedürfnissen gegeben werden sollte, um schließlich die höchste Stufe der sozialen Evolution zu erreichen, den Kommunismus, hat seine Mitmenschen in gleicher Weise ausgebeutet wie im Mittelalter. Die Untertanen leisteten Frondienste im Rahmen der Normerfüllung, die sozialistischen Fürsten gingen zur Jagd. Statt Freiheit gab es Mauer, Stacheldraht und Schießbefehl. Der demokratische Mensch von heute verweigert die Beteiligung an den Wahlen, statt Freiheit gibt es immer ausgefeiltere Überwachung und geschützt werden nur genehme Minderheiten und Weltanschauungen, was nicht dazu gehört, wird bekämpft, wie unter den totalitären Regimen.


    Nur selten gibt es Visionen, die stark genug sind, um den Egoismus des Einzelnen zu überwinden. Es sind oft aussichtslose Situationen, in denen der kleine Vorteil, den das normale Handeln einbringt, zu gering ist, verglichen mit den Nachteilen, den Reaktionen der Mitmenschen. In den ersten Wochen der Grundausbildung sind alle Rekruten gleich, keiner kann sich auf Kosten des Anderen profilieren, weil der "Feind" in Gestalt der Vorgesetzten das nicht erlaubt. Diese Phase hält nur eine kurze Zeit an, bis die ersten gelernt haben, sich zu drücken. Nach der Grundausbildung ist der Soldat dann mit "Visten" (angehende Reservisten) bzw. "EKs" (Entlassungskandidaten) zusammen, es gibt eine interne Hierarchie, bei der jeder Schwache ausgebeutet wird.


    Die Kameradschaft im Schützengraben ist legendär, weil jeder den Nebenmann braucht, um selbst zu überleben. Entweder essen alle oder keiner, jeder hat Läuse, jeder schläft im gleichen feuchten Unterstand, jeder kann jederzeit fallen. Im Zivilleben ist es damit vorbei, die eigenen Interessen triumphieren über die Gemeinsamkeiten. Es herrscht Wettbewerb, bei dem jeder versucht, schneller voranzukommen.


    Der Egoismus ist ein Urinstinkt, den jeder von uns besitzt. Gedankenlosigkeit hingegen ist Faulheit, bewußte Selbstbeschränkung auf einen Horizont, der bis zur eigenen Nasenspitze reicht. Es ist nie gut, den Unteroffizier zu grüßen und dabei dem Hauptmann den Ellbogen ins Gesicht zu rammen. Wir verhalten uns leider viel zu oft so, siehe den Verein der Briefmarkensportler von Mittelmietraching.


    Ich kann niemanden ändern, das weiß ich. Ich kann nur dazu auffordern, das graue Zeug, das wir alle zwischen den Ohren herumtragen, ein wenig intensiver zu nutzen. Gerade eben kommt in den Nachrichten, daß Gabriele Pauli aus der Landtagsfraktion der Freien Wähler ausgeschlossen wurde. Sie wollte die Partei dazu bringen, für den Bundestag zu kandidieren und jetzt, da die Partei es nicht wollte, eröffnet sie ihren eigenen Laden. Ja, trotz aller Wahrscheinlichkeiten gewinnen immer wieder Leute im Lotto. Ich muß jedoch kein Prophet sein um vorherzusagen, daß die Chancen von Frau Pauli auf einen Lottogewinn größer sind als auf ein Bundestagsmandat. Warum tut sie es trotzdem? Sie will eben alles, und das unbedingt sofort.


    An diese Mentalität appellieren die Kredithaie der Nation, die Banken. Leiste dir mal was - wir geben dir Kredit. Vierzehn Tage Urlaub und vier Jahre Einschränkung, bis der Kredit dafür abbezahlt ist. Warum auf etwas warten, was ich JETZT haben kann? Als Jugendlicher habe ich für eine Uhr gespart, bin dann zu einem Kofferradio gewechselt und habe mir am Ende eine Stereoanlage gekauft. Ich war als Schüler nicht kreditwürdig, also mußte ich altmodisch sparen. Hätte ich Kredit erhalten, hätte ich vermutlich die Uhr gekauft - und dann abbezahlt, ohne jede Chance auf Kofferradio oder Stereoanlage. Mein Egoismus, mein "Ich will alles, und das sofort" hätte mir eine Uhr eingebracht, die ich ein paar Wochen später schon nicht mehr haben wollte, an der ich jedoch immer noch abbezahlt hätte. So wird der eigene Egoismus, der Wunsch nach dem kleinen Vorteil, gegen uns verwendet.


    Wenn Sie ein paar Augenblicke nachdenken, fallen Ihnen eigene Geschichten ein, in denen Sie dem Egoismus erlegen sind oder über ihn triumphiert haben. Ich schreibe Ihnen das hier als Warnung, als Hinweis darauf, künftig öfter einmal nachzudenken. Uns stehen Umbrüche ins Haus, schwerwiegende, tiefgreifende Veränderungen. Üben Sie das Nachdenken - JETZT.


    Es geht nicht um den Spatz in der Hand und die Taube auf dem Dach, es geht um Gänsebraten. Wenn Sie die Gans schlachten und braten, haben Sie ein Festessen. Aber woher wissen Sie, daß Sie da nicht gerade die Zaubergans auffuttern, die goldene Eier gelegt hätte? Schon morgen hätten Sie es gewußt, und es wäre immer noch Zeit gewesen, die Gans in den Ofen zu schieben.


    Jeder, der Sie zu einer schnellen, sofortigen Entscheidung drängt, tut das mit größter Wahrscheinlichkeit aus eigenem Interesse. Sie sollen unterschreiben, bevor Sie den Haken in dem schmackhaften Köder entdecken. Wenn alles so gut und wunderbar ist, wie es der Gegenüber darstellt, warum haben Sie dann keine Zeit? Handeln Sie überlegt, verlieren Sie das Ziel nicht aus den Augen. Hundert Vorsitzende von Parteien ohne Mandat haben weniger Macht als der Stellvertretende Vorsitzende einer Partei, die in den Parlamenten sitzt. Es ist zwar nicht sein eigener Laden, er muß ein paar Kompromisse eingehen, aber er kann gestalten, was die vielen Niemande nicht können.


    Das Zusammenleben in einem Staat erfordert immer Kompromisse. Die BRD ist ein Staat für 82 Millionen Bewohner. Sie wird niemals in 82 Millionen Staaten für jeweils einen Bewohner zerfallen. Es gilt, einen möglichst guten Staat für alle zu erschaffen, als den idealen Wunsch-Staat für jeden Einzelnen. Es gilt, den Egoismus zu überwinden, sich auf den Spatz für alle zu einigen, anstatt Millionen Tauben gleichzeitig nachzujagen. Fünf Finger werden einzeln gebrochen, zusammen sind sie eine Faust. Doch nur, wenn sie als Faust agieren, sich dem gemeinsamen Ziel unterzuordnen, können sie einen gezielten Schlag ausführen.


    Der heutige Tag - der 17. Juni - war früher der "Tag der deutschen Einheit". 1953 hatten die sozialistischen Feudalherren die Frondienste für ihre Leibeigenen heraufgesetzt ("Erhöhung der Normen"), was diese verständlicherweise nicht widerspruchslos hingenommen haben. Es ging den Aufständischen nicht um die deutsche Einheit, sondern um den persönlichen Vorteil des Gegenwerts ihrer Arbeit. Die Feudalherren im Westen haben kalt lächelnd zugeschaut und anschließend ihr eigenes Süppchen darauf gekocht, indem sie das zum Volksaufstand und dem Wunsch der dortigen Leibeigenen hochstilisierten, Untertanen der westlichen Fürsten zu werden.


    Als die Vereinigung tatsächlich gekommen ist, 1989, wurde daraus auch nicht das große, hehre Ganze, sondern ein kleinlicher, egoistischer Raubzug westdeutscher Großbanken, bei dem die DDR gewinnbringend zerschlagen worden ist. Helmut Kohl wollte und brauchte kein starkes, einiges Deutschland, sondern Stimmvieh, das ihn, der als Bundeskanzler bereits abgewirtschaftet hatte, noch acht weitere Jahre an der Macht halten durfte.


    Die Chance zu einer wirklichen Wende zum Besseren wurde dem Egoismus einiger Profiteure geopfert. Das wirkliche Übel dabei ist, daß diese Profiteure heute noch immer an der Macht sind, wenn nicht in eigener Person, so doch durch ihre Gefolgsleute. Sie sind viele, wir wenige. Der allergrößte Teil der Bevölkerung schläft, ist satt und zufrieden. Bei solchen Zuständen können wir uns eines ganz gewiß nicht mehr leisten: Egoismus.


    Quelle: Michael Winkler

    „Noch sitzt ihr da oben, ihr feigen Gestalten, vom Feinde bezahlt und dem Volke zum Spott. Doch einst wird wieder Gerechtigkeit walten, dann richtet das Volk und es gnade euch Gott.“ Carl Theodor Körner Deutscher Dichter, gefallen 1813 im Alter von 21 Jahren im Freiheitskrieg gegen Napoleon